Hochschule für Industrielle Formgestaltung [Editor]
Designtheoretisches Kolloquium — 15.1994

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Design-Ideologien und Reflektionsmuster im
Gewand von Theorie und Fortschritt

Die unbesehene bzw. weitgehend unreflektier-
te Gleichsetzung von Gestaltetem und Morali-
schem, von Ästhetik und Ethik hat weit zurück-
reichende Wurzeln nicht nur in der Klassik und
Aufklärung. Das Schöne und das Wahre als zwei
Seiten einer Sache ist die Verkümmerung ei-
nes Gedankens, dem der religiöse Kontext (oder
besser Grund) abhandengekommen ist. Denn
dann gerät was immerhin als Imperativ zu ver-
stehen ist, zur zweckvollen Behauptung.

Das Mißverständnis, um nicht zu sagen der
Unsinn von der kathardischen Funktion des In-
dustriellen Design, hat wohl auch vor allem der
moralischen Aufrüstung und Selbstsicherung
der Vertreter des Design gedient.

Das gleiche gilt für viele, nahezu alle Argu-
mentationsfelder, die sich das Design im Ver-
laufe seiner Entwicklunq bis heute erschlossen
hat.

Was als gestaltungsmethodische Hypothesen
oder als heuristischer Ansatz entstanden ist,
verfestigte sich unter der Hand mit seiner Ver-
breitung zusehends immer mehr zur design-
ideologischen Lehre, unreflektiert nachgeredet,
bis neue attraktivere Aspekte aufgegriffen wur-
den, die die alten verdrängten ohne mehr zu
bieten.

Was immerhin noch als Materialgerechtheit und
als Werkgerechtheit schlechthin im Sinne einer
über kulturelle und handwerkliche Erfahrungen
fixierten ästhetischen Norm als „Ehrlichkeit“
gegenüber dem zu schaffenden Gegenstand,
seiner Gestalt, Erscheinung und seinem funk-
tionellen Verhalten tradiert wurde und damit
natürlich eine verläßliche gestalterische Garan-
tie gegenüber dem Käufer und Nutzer darstell-
te, wurde im Zuge der Industrialisierung und
ihren gesellschaftlichen Folgen angereichertzur
„sozialen Verantwortung“.

Die Abhängigkeit dieses Aspektes von den
gesellschaftlichen Hierarchien und sozialen
Strukturen wurde dabei vom Design meist ent-
weder übersehen oder umgekehrt zur design-
ideologischen Größe gemacht.

Auch heute liegen die Forderungen nach Um-
weltgerechtheit (der industriellen Produktion und
damit des Design) dicht neben der Behauptung

von Weltgerechtheit. Die Einflußmöglichkeiten,
die Prozeßebenen und der Anspruch auf Ein-
flußnahme werden dabei aber häufig auf fatale
Weise durcheinandergebracht.

Noch deutlicher:

Der Anspruch ist dringend hinsichtlich von Kom-
petenzzu hinterfragen (im praktizierten Design
wie in der Designausbildung).

Einige andere solcher ideologiehaltigen Reflek-
tionsmuster im Design, annähernd in der hier
benannten Abfolge und auch in ihrer Über-
schneidung waren(und sind) z. B.:

• Der Feldzug gegen sogenannten Kitsch und

Geschmacklosigkeit (als elitäres, schich-
tenspezifisches Wertungsmuster)

• Der Unsinn von der sogenannten Zeitlosig-

keit der Form (ein Klischee, das schon aus
Konkurrenz und juristischen Gründen in
sich zusammenbrach, abgesehen von der
Vehemenz der ökonomischen Prozesse)

• Der Täuschung über Dominanz und Sepa-

rierbarkeit des Gebrauchswertes vom
Tauschwert (nicht zu verwechseln mit ver-
nünftigen Forderungen nach Langlebigkeit,
Sparsamkeit, optimaler Gebrauchsfähig-
keit usw.)

• Der Ausbruch in eine sogenannte neue

Sinnlichkeit (als wären schlichte Objekte
bar der Sinnlichkeit; aber darum ging es
nicht, sondern um Ausweitung von gesät-
tigten Märkten)

• Die Schimäre von der zunehmenden Virtua-

lität und Immaterialität (dieses Argument
gehört ganz woanders hin als auf den Tisch
des Industriedesigns; dort ist es nur die
Neuauflage von der Tablette, die in Zukunft
einen Telier warme Mahlzeit ersetzen
könnte).

Als Beispiel: Das duale System steht na-
hezu für immaterielle Leistung. Es entsorgt
nicht wirklich, sondern verschafft Käufern
ein reines Gewissen und Herstellern eine
scheinbar reine Weste. Es entsorgt Skru-
pel und macht dabei Gewinne.

• Die schwachsinnige Verwechslung von In-

formation und Informiertheit (genau das
Gegenteil ist zu beobachten, zunehmen-
de Begriffsauflösung, und Desinformation
und damit Destruktion und Werteverfall).

• Die Fiktion vom Individualismus der vom

Design geschaffen oder gefördert wird.
(Die objektiv dagegen stehenden Zwänge
sind:

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