Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 9.1892

Page: 52
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Miszellen.
DaS Krumbachcr Bad — ein Beitrag zur schwäbi-
schen Balneologie. Das in der Nähe des Marktfleckens Krninbach
nn bayerischen Schwaben an der Kamlach gelegene Krumbachcr Bad
liegt ans einer Erhöhung; das Badwasser entspringt in 3 Quellen an
dem Berge, auf welchem man an verschiedenen Stellen einen kreide-
artigen Stein findet, der etwas fettig anznfühlen ist. Von diesem
Steine werden immer einige Stücke in den Kessel gethan, in welchem
das Badwasscr erwärmt wird; der Stein löst sich in dem Wasser auf
und soll viel zu den Heilkräften des Bades beitragen. Eine alte Nach-
richt sagt darüber: „ ... cs ist an einem sehr lustigen Ort und Ende
eines großen Bnchwaldes gelegen und anß einem Berg von grawcn
ringen und wunderlichen Steinen so gleich den GipSsteinen etwas Waich
scyn und sich zerschneiden laßen ganz besetzt ist, fließen thnt von den
besagten Steinen meistenthcils und auch voni Nitro seine Kraft hat,
trücknct und zusammen zeucht . . . ." Das Bad ist schon sehr alt und
jedenfalls schon seit Ende des vierzehnten Jahrhunderts bekannt. An
seine Entstehung knüpft sich folgende Sage: Vor Zeiten besaß Ulrich
von Ellerbach dasselbe, welches damals noch Hilpelsberg hieß; er war
mit Adelheid geb. von Roth verehelicht. Als der Ritter einstmals im
Jahre 1390 von einer Reise zurückgekehrt einen bösen Argwohn wider
seine unschuldige Gemahlin gefaßt, verfolgte er sic aus falscher Eifer-
sucht. In einer Scheune, wohin sie sich flüchtete, verbrannte sie elen-
diglich; zur Bezeugung ihrer Unschuld ist dann ein Brunnen ent-
sprungen, der noch heutigen Tags der Brandbrnnnen, insgemein aber
das Krumbachcr Bad heißt, welches später dem in der Nähe gelegenen
Prämonstrntenscrreichsstifte Ursberg bis zu dessen im Jahr 1803 er-
folgten Aufhebung gehörte. Das Bad wurde in früheren Zeiten, nament-
lich von Frauenspersonen, und auch von der Reichsstadt Ulm aus viel und
gern besucht. Heutzutage erfährt cs aber nur noch schwachen Zuspruch
und zumeist nur aus der Umgegend; die Zeit der kleinen Bäder, der
„Badeln" ist eben im jetzigen Eiscnbahnzcitalter unwiderbringlich dahin.
Schon im sechzehnten Jahrhundert wurde es von Dr. Martin Ruland,
gewesenem pfalzgräflichem Leibarzt zu Langingcn, untersucht und begut-
achtet. Ein ausführlicheres und interessantes Gutachten stellte im Jahr
1842 auf Veranlassung des Ursberger Reichsprälaten Matthäus Dr.
Jakob Eckholt, Physikns der benachbarten Reichsstadt Memmingen,
über den Heilbrunnen ans, welches wir folgen lassen:
Dieser Brandtbrvnn wie durch viel und mannigfaltige so vieler
Jahren her Erfahrung probiert worden ist gut und nützlich, so wol
darinnen gebadet und damit gewaschen als auch solchen getrunken für
nachfolgende Seuchen und Gebrechen:
Insgemein: Für alle kalte, feuchte und phlegmatische, innerliche
und äußerliche Krankheiten. Für kalte Flüsse und allerlei flüssige An-
liegen des ganzen Leibs. Absonderlich aber für Hauptkrankheiten so
von Kälte und Feuchte herrühren, als für den Schwindel und
Schlag, Hauptwehe, Katarrhe oder Flüße, schwaches Gedächtnis „Nacht-
trntten" n. dgl.
Für dunkle blöde feuchte und triefende Augen und deren
Schmerzen.
Für die Mundfäule und daraus entstehenden schmeckenden Athem;
auch für Zähn- und Halswehe und deren, wie auch der Zunge», des
Zahnfleisches und „Zäpflins"-Geschwnlst und Geschwüren, damit ge-
gnrgelt und gewaschen.
Für Magen, Erbrechen, Unwillen und Unlust zum Essen; auch für
den Hunds- oder unersättlichen Hunger.
Für das Grimmen, die Banchflüß oder Durchbruch; sonderlich
getrunken.
Für die kalte und feuchte Leber und deren Schmerzen; auch für
kalte Milzsncht, für die Gelsncht; für alle kalte Geschwulst und Wasser-
sucht Ascites unä Lnasarcrr genannt.
Für das Lenden- und Ruckenwch, Gries und Nierenstein.
Für den Harnfluß, so man den Harn nicht behalten kann.
Für den Wasserbruch und Nabelbrnch, Ansgang des. Mastdarms
und für dessen Jucken, Beißen, Schrunden und Schwürung, für
Manns- und Weibsgliedgebrcchcn, für den „Schlier".
Für krumme Glieder, für müde und erschlagene Glieder, für Lähme
und Erstarren der Glieder und deren Unempfindlichkeit.
Für kalt Podagra und Hüftenwehe, für Zittern der Hände.
Für allen unmäßigen Blutflnß, Blntspeicn, Blntharnen, Znviel-
fließcn der Ruckadcr, Blutruhr und dgl. getrunken.
Für Nasenbluten damit gewaschen, für zuviel Schwitzen.
Für. Nauden, Rufen, Krätzen und Jucken der Haut, Beißen der
Hände, „Zitermahl oder Zitrachtcn", Blattern, Schafblattern, „Schcrtzcu",
angehenden „Aussatz", für „Außschlcchtcn und Bltttterlein" des Ange-
sichts damit gewaschen.

Für den Grind, Flechten, Milben und Schuppen im Haar, damit
„gezwagen"; item für Haar-Ausfallen, Lanssucht; für Feigwarzen,
Fisteln, für allerlei „Geschwcr".
Für böse, offene, erfrörte Füß und andere erfrörte Glieder; für
den Gestank des Leibs, als der Füßen, Ichleu re.
Für kalte und phlegmatische Fieber, sür'n Kropf; für Hnndsbiß re.
Insonderheit aber ist dieses herrliche Wasser sehr gut und nützlich
für allerlei Weibergebrechen und Krankheiten, als für den weißen Fluß;
item, so sie zuviel oder zu wenig oder gar nicht fließen, bringt die
natürliche Monatzcit, macht fruchtbar, vertreibt alle Mutterkrankheiten
und Schmerzen; ist gut für die kalte, unreine, feuchte und schlüpfrige
Gebärmutter; hilft denen, die zu frühe gebären, die Fluß tragen und
denen in der Geburt mißlingt, oder auch sonsten langwierige Krank-
heiten haben! Diesen dient dieses Bad wnnderbarlich wohl.
Das Trinken des Badwassers betreffend. Obwohl es
von theils alten lAeälcis für untauglich und schädlich gehalten worden,
wegen des „Gips darab es laufen soll", so bczcngts doch die viel-
fältige tägliche Erfahrung, daß es denjenigen, so mit rechtem Maß und
Ordnung trinken, nicht allein nicht schädlich, sondern auf viel Weg er-
sprießlich ist. Es hat eine zusammenziehende trocknende Kraft ohne
alle Erkältung und Verletzung des Leibs, strangulirct und würget oder
stecket nicht, hat wegen des vermischten Salpeters auch eine durch-
dringende Kraft, stärkt den Magen und inwendige Glieder, trocknet die
bösen Feuchtigkeiten auf und verzehrt dieselben. Es hält auf und
stopft oder stellt alle unordentlichen Bewegungen des Geblüts und an-
derer „Humvre"; daher» cs dienstlich ist wider „die Rnehren und Vlut-
flüß, Blutspeyen und Harnen u. dgl.".
I. Wer dis Bad gebrauchen will, soll zuvor den Leib gebührender-
maßen pnrgiren und erheischender Nothdnrft zur Ader laßen; in 4 oder
5 Tag hernach zu Baden anfangcu,
II. Soll im Anfang sich nicht übcrbaden, sondern fein sittsam, mit
wenig Stunden anfangcu, anfstcigcn, dann fortbadcn, bis er sauber
und gesund worden am Leib, alsdann gemächlich ausbaden.
III. Soll nicht zu heiß und nicht zu tief baden, sonderlich im Ein-
sitzeu und Ausgehen soll das Bad nicht zu heiß sein.
IV. Soll die Kräften wohl in Acht nehmen; so viel baden als
dieselben wohl erleiden könnten, sonsten das Bad nicht recht wirken
kann.
V. Soll die Verstopfung des Leibs fleißig verhüten und mit
guten Mitteln derselben begegnen.
VI. Soll des Wassers nicht allzuviel und übermäßig trinken,
sonderlich weil er im Bad sitzt und etwa hitzig ist oder großen
Durst hat.
Heutzutage gehört das Bad der seit einigen Jahren im ehemaligen
Kloster Ursberg eingerichteten und von Ordensschwestern besorgten Ver-
sorgungsanstalt für Cretincn, Blinde, Taube, Stumme und Epileptische
und wird von und zu Gunsten derselben betrieben; auch fehlt in dem-
selben eine Abteilung für Kueippsche Wasserheilmethode nicht. Das
Bad, d. h. die „Adelheidsguelle" wird hauptsächlich für eine ganze
Reihe chronischer Krankheiten, so Gicht, Rheumatismus, Leber- und
Drüsenleideu, Gelbsucht, Gallenleiden, Rückenmarkskrankheitcn und da-
durch bedingte Lähmungen, Gelenk- und Knochenleiden aller Art, Skro-
phulose und alte Schwächen und Krankheiten der Frauen; desgleichen
in Nachbehandlungen nach schweren Anfällen von Gicht und Rheu-
matismus, — namentlich wenn Anschwellungen da sind oder Gelenksteifig-
keit und Verkrümmungen auch der schwersten Art —, nach Wechsel-
sicbcr, schweren Verwundungen der Knochen, Bänder und Sehnen,
endlich in der Rekonvaleszenz ans schweren Krankheiten mit zurückge-
bliebenen Epsndatmassen der verschiedensten Art gebraucht. 1'. Lecll.

Berichtigung.
In Nr. 0 des „Diöz.-ArchivS" von 1892 ist unter den Miszellen eine
Mitteilung über Herzog Ulrich als Alpinist enthalten, welche
ganz falsch ist. Im Jahre 1518 soll der damals landesflüchtige Herzog
den Pilatus bestiegen haben. Nun wurde aber Ulrich bekanntlich erst
1519 vertrieben, und die ganze Angabe stützt sich nur auf eine Nach-
richt, wonach ans jenem Berge in einen Stein eiugegraben gewesen sei:
II. IV. 1518. Das hat ein phantasievoller Kopf als IIuläriLns XVür-
ternderxensis gedeutet; dazu kam der Irrtum mit der Zeit seiner Ver-
treibung, und so ist Ulrich zum Alpinisten geworden. — Die Beilage
derselben Nummer enthält die Behauptung, der Dichter Fr. v. Schiller
habe in seiner Jugend eine Geschichte von Württemberg bis 1740 ge-
schrieben. Längst aber ist ausgemacht, daß das nur'ein Manuskript
war, welches Schiller als Karlsschüler im Kolleg uachgeschricben hat.

Stuttgart, Buchdruckerci der Aktiengesellschaft „Deutsches Bolksblatt".
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