Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 9.1892

Page: 85
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mit periodischer kirchengeschichtlicher lveltschau.
Regelmäßige Beilage zum Pastoralblatt für die Diözese Nottenbnrg.



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Mit einem Vereine von Geistlichen und in Verbindung mit Geschichtsgelehrten heransgegeben
von 0r. Engelbert Hofelr, Pfarrer in Ummendorf.
Korrespondenzen wollen gcfl. direkt a» vr. Engelbert Hofele, Pfarrer in tlmmendorf b. Biberach, gerichtet werden.

W. 22.

Stuttgart, den 15. November 1892.

9. Jahrgang.

Inhalt: Die Gräfin Maria von Helfcnstein, geborene Prinzessin von Bosnien, ans Burg Ueberkingen bei Geislingen. Bon Theodor Schön.
(Schluß.) — Die Ncichsschenken von Schmalcgg-Mmcrstettcn. Von Rcnz-Regensburg. (Fortsetzung zu Nr. 8 des Diözcsanarchivs.) —
Beilage: Zur Geschichte des Klettgaues. (Aus dem Nachlaß des rastlosen Lokalgeschichtsforschers Pfarrer Joh. Ev. Schöltle in Scekirch.)
Fortsetzung- — Miszellen.

Vir Gräfm Maria von Lyelsenstein, geborene
Prinzessin von Bosnien, auf Burg Ueberkingen
bei Geislingen.
Von Theodor Schön.
(Schluß.)
Es war ei» eigentümlicher Zufall, daß Maria gerade jetzt
sich ein sorgenfreies Alter sicherte. Ein Jahr nachher wäre
es zu spät gewesen. Am 5. Mai 1372 entriß ein jäher Tod
- Graf Ulrich den älteren seiner Gattin und seinen Kindern.
I Gabelkover berichtet hierüber in seiner schlichten, einfachen
Weise: „Anno 1372 Wirt Graf Ulrich von Helfsenstain der
elter gfangen von Johannes von Klingenberg, Hainrich von
Lausten genannt von Neipperg und Ulrich von Sternenfels.
Die geben ihn Herrn Johann von Valckenstain in die Best in
Ramstain zu bewahren. In c>uo cnrcere occisus est. Doch
sagt Maria, ducissa I3o85nien5is, Illrici irrstem vidua an
I Sanct Veits Tag (15. Juni) Eglvfen und Johann von
Valckeustain, Iratres des; begangenen Entleibens und aller-
ander Thaten an irein Herrn begangen zu Ramstain ledig und
los." Mit neun, zum Teil unmündigen Kindern stand jetzt
die bosnische Fürstentochter einsam, ohne Familienanhang da.
Am 23. Oktober 1373 verwies ihr Sohn Graf Konrad sie
wegen 15 000 Gulden in Gold an Heimsteuer und Morgen-
gabe auf die Burg Ueberkingen, zwei Gärten samt anderer
Zngchör ans dem Graben, ans die Wiesen des Obenheuscrs
zu Ueberkingen, auf das Fischwasser zu Hausen an der Fils,
auf das zu Hiltenbnrg gehörende Holz Bernloch mit allen
Nutzungen, ans Dürkheim, Aufhausen, Böhringen und Bern-
^ stadt die Burg samt den Zehenten und allen Zugehörden.
Doch behält er sich und seinen Brüdern vor, solche Güter jedes
Jahr, wann er will, zwischen 6. Januar und 16. Oktober-
nieder einlösen zu dürfen. Die 60jährige fürstliche Dame
dezog nunmehr das Schloß Ueberkingen. Sie alte nach drei
Jahren wieder ein freudiges Ereignis zu ver> .chnen. Jhr
Neffe Stephan Twartko, Fürst von Bosnien.,, e: Mann von
illoßer Begabung, der die Grenzen seines Reiches .mm mehr
! erweitert hatte, nahm mit Zustimmung des nugarrchcn Hofes
^en Königstitcl an und wurde 1376 in der Kathedrale zu
Äeilescheva am Grabe des hl. Sava mit der bosnischen und
Kubische» Krone gekrönt. Mit Stolz konnte sie ans diesen
M)e>, Verwandten blicken, der den pomphafte» Titel: Stephan ^

Twartko in Gott Christus König der Serben, Bosniens und
des Küstenlandes führte. Doch was half der Witwe der
Glanz ihres Hauses im fernen Ostei:, da sie in den näcksten Jahren
die beiden mächtigsten Gönner ihrer Familie dahinsterben sah.
Am 29. November 1378 starb Kaiser Karl IV. und am
11. September 1382 folgte ihm König Ludwig von Ungarn
im Tode nach. Namentlich mit dem Tode des letzteren schwand
für Maria nnd ihre Kinder die letzte Möglichkeit, die von
Jahr zu Jahr angewachsene Schuldenlast zu tilgen, nnd ist
es gewiß kein bloßer Zufall, daß wenige Monate nach dem
Tode des Ungarnkönigs, ihres letzten Helfers, die Grafen
Konrad und Friedrich von Helsenstein wegen einer Schuld von
37 000 ungarischen Gulden der Stadt Ulm ihre ganze Herr-
schaft, auch „das Erbe aller der Leut' und Güter, die wir (er-
warten) wartten sehen von nnusser lieben Mnetern und
Frawen Marien, Hörtzoge» von Bossnen" versetzten. Nnr
die Feste Hiltenburg blieb ausgenommen davon. Fortan
wohnte Maria auf dem Pfandbesitz der Ulmer, welche am
28. Juni 1396 einen Teil der Pfandschaft, die Stadt Geis-
lingen und die Feste Helfensteiu sogar käuflich erwarben, nicht
mehr auf eigenem, freiem Eigentum. Der Sage nach, welche
Fabri nnd CrnsinS überliefert haben, soll sie sich leichten
Sinnes über das Mißgeschick hinweggesetzt haben, die Ulmer
ihre Söhne genannt und ans die Frage, warum sie dies thäte,
geantwortet haben: „weil sie unsere Erben sind." Die Sage
überliefert hier wohl eine Aenßernng Marias, die historisch
begründet ist. Tritt doch in den Worten Marias eine
Charaktereigenschaft des slavischen Volkes, die Leichtlebigkeit,
die noch heute bei den österreichischen Slaveustämmen herrscht,
stark hervor. Und fürwahr ein solch heiteres Gemüte, das
des Lebens- Schattenseiten leichten Sinnes erträgt, mußte
Maria haben, wenn sie all das Mißgeschick nicht niederbengte
und sic das hohe Alter von 90 Jahren erreichte. Der nächste
harte Schlag, der sie traf, war die Kunde von der im Jahr
1387 erfolgten scheußlichen Hinschlachtuug ihrer Nichte, der
ungarischen Kvnigswitwe Elisabeth durch . die alten Feinde
ihres Hauses, die Kroaten. Vier Jahre später sah sie kurz
nach einander zwei nahe Verwandten dahinscheiden. Am
23. März 1391 starb ihr Nesse König Stephan Twartko und
im gleichen Jahre sank ihr Sohn, der Erzbischof Ludwig von
Colocsa in die Gruft. Diese wiederholten Todesfälle naher
Angehöriger sind wohl der Anlaß gewesen, daß Maria ihrem
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