Beck, Paul [Editor]; Hofele, Engelbert [Editor]; Diözese Rottenburg [Editor]
Diözesan-Archiv von Schwaben: Organ für Geschichte, Altertumskunde, Kunst und Kultur der Diözese Rottenburg und der angrenzenden Gebiete — 9.1892

Page: 72
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mich fürdcrlichst nnderthenig berichtet werden, zweiffeln wir uit, cs werden
Ihre F. Gn. Inen solches höchlich belieben nnd daraus; Iren freundt-
nnd nntertenlichen Willen, gegen denselbigen mehr denn genugsam spüren
mögen, sich auch hiermit dankbar zu erzeigen wissen. Soweit
denn Bürgermeister nnd Rath zu Reichenweyler betrifft, thun sie sich
gegen E. F. Gn. Jrcr getreuen Fürsorg nnd gnedig erwießenen Gnt-
that gantz nnterthenig und hochfleißig bcdankhcn mit dem nnterthenigcn
Vermelden, obgleich wol sie verhoffen der liebe Gott werde sie nnd ge-
meine Bürgerschafft vor Angen schwebendem leidigen Kriegsweßen gnedig
verwahren, jedoch da sie der Almechtig nach seinem willen mit derselben
hcimsnchen sollte, so spüren sie an jetzt erzeigter Gnad in Untcrthcnigkeit
daß E. F.,Gn. sic in Nöthen nit verlaßen, sondern Ihnen mit mehrerer
Hiilff, Rath und Trost ohnzweiffenlich znspringen würde», dannenhero
sie nechst Gott nnd Ihren angebvrncn Herren zu E. F. Gn. ir Trost
und Hoffnung setzen und weil Ihre belichte Vvrältern von. (Alters her)
ander dem hochlöblichen Hans Würtsmberg gantz wol und fridlich re-
giert worden, also pittcn sie den Almcchtigcn, der wolle sie und die
liebe Posterität verncr unter deren Schutz nnd Schirm, darbey sie mit
Leib und Gnth vermittels Göttlicher Hiilff gedenkhen zu pleiben, gnedig-
lich erhalten nnd sie kein Kriegsmacht noch andern ungefehl, davon ab-
rcißen laßen.
Daß Hab, E. Fr. Gn. Ich hiemit underthcniglich nicht verhalten
wollen-und thne derselben mich zu Gnaden gehorsamlich bevchlen, Da-
tum Reichenweyler den 26 Novembris anno 1592.
E. F. Gn.
Underthcniger
Melchior von Rust "
Diese Ahnungen des wackern Amtmanns, welche damals schon
das Herannahcn des fürchterlichen dreißigjährigen Kricgselcndes ver-
kündigten, wurden leider mit der Zeit durch Verniers Berennnng und
Einnahme der Stadt anno 1635 und die daraus erfolgte Hungersnot
nnd Pest gerechtfertigt. — Noch fügen wir an, daß eine dieser Stein-
büchscn, 1,24 m lang in geschmiedetem Eisen, eckig bis auf eine mittlere
runde Verzierung, von welcher weg die Mündung sich bis auf ein
Kaliber von 0,075 mm erweitert, in Reichenweier erhalten geblieben nnd
dermalen im Schonganermusenm zu Colmar ansbewahrt ist. —ck.
Jnd Süß (eigentlich Jos. Süß Oppenheimer, gcb. im Jahre
1692 zu Heidelberg). Der große Haß gegen Süß und seine Anhänger
machte sich nach dessen Inhaftnahme nnd Justifikation in zahlreichen
Flugschriften und Flugblättern in gebundener nnd ungebundener Rede,
illustriert ivie uniUustricrt, Luft. Seine Glaubensgcnvsscn, die Juden
in Pfirr, dagegen erklärten ihn für einen Heiligen und Märtyrer. In
diesen zahlreichen Schriften ist die Geschichte des Juden, besonders was
seine letzten Tage betrifft, ausführlich beschrieben, auch meist sein Bild
mit Kupferstichen von seiner Hinrichtung, dem Galgen mit dem Käfig re.
beigefügt. Unter den vielen Erzeugnissen dieser Art möchten fol-
gende hervorgchoben sein: Deß jnstifizicrten Juden, Jos. Süß Oppen-
heimers Geist, in den clisäischen Feldern. Oder der durch eine Katz
mit Recht von dem Glück zu hohen Ehren und Reichlhum erhobene arme
Kuchel-Junge. In einem Schauspiel vorgcstellet, und mit 40 Küpfferlen
gezieret, Frankfurt u. Leipzig, 1738, 3 ff., 120 pp. (sehr selten; Pon L. Ro-
senthal in München im 26. Katalog --Llbliotbeca iVlusica > Rbeatr-Uis,
Laltatoria» zu 10 M. ausgeschrieben). — Nachrichten, curicuser, aus
dem Reiche der Beschnittenen. I. Theil. Zwischen Sabathai Scvi, einem
in dem vorigen seculo in den Morgenländern höchst-bcrichtigt gewesenen
Jüdischen Ertz-Betrüger und dem samcnsen Würtcmbergis. Aventurier,
Jnd Joseph Süß Oppenheimer, worinnen dieser beyden beschnittenen
Spitzbuben Leben und Begebenheiten entdecket werden; mit schön ge-
stochenem Brustbild des Süß. 4°. Frankfurt a. M. 1738. — II. Theil,
darinnen des Juden Süß leichtfertige Streiche nnd Landesverderbliche
Unternehmungen, nebst dem was bey seiner Gefangennchmnng bis zn
derselbigcn Endigung passirt, erzchlt wird. Frankfurt, 1738 (mit sehr
großem Brustbild des Juden, reich ornamcntirtem Bl. in mehr als
doppelter Größe des Textes). — Nachrichten, III. Unterredung, darinnen
dasjenige, was biß und nach dcS Süßen Verurtheilung vorgegangen,
erzehl! wird. Gedruckt zu Cana in Galiläa, 1738. — Nachrichten,
IV. Unterredung, worinnen noch besondere Merkwürdigkeiten von dem
Hingerichteten Jnd erzählt werden, 1738. — Nachricht von der Hin-
richtung des Weltbekannten Juden Süß, samt einem Kupferstich, wor-
auf der Galgen, woran er gehangen worden, zu sehen ist. Stuttgart,
den 4. Februar 1738 (4 SS.). — Umständliche Erzehlnng und Unheil
von dem ehemalig Würt. Finanz-Direktor, nunmehr aber verruchten
Erz-Dieb und bekanndten Landbetrngcr Juden Süß. Zu Jedermanns
Nachricht dem Druck übergeben, 1738 (4 Bl. mit Abbildung des Galgens
nnd eisernen Käfigs, in dem er gehängt ist). — Nachrichten. 4 Stücke. 4".
Gedruckt zu Cana in Galiläa, 1737—38 (enthält das Leben von Süß
in Form eines Dialogs mit eingestrenten Spottgedichten). — Bcr-
nard's C. D., ausführlicher Diseurs mit einem seiner guten Freunde
Stuttgart, Bnchdrnckerei der Aktie

über Jnd Süß Oppenheimer. 4". Tübingen 1738. — „Unterthänigcs
Danksagungs-Kompliment sämmtlicher Hexen und Unholden an seine
jüdische Hexelenz' Jud. Joseph Süß Oppenheimer ec. im Namen aller .
anfgesctzt nnd überreicht von gesammter nachtliebendcr Sozietät Ur-
Groß-Mntter, der Zigeunerin von Endor. Gedichtet auf dem Heu-- und
Blocksberg in der Set. Walburgisnacht." — Der in den Lüften schwebende
jüdische Heilige, 1738, 4". — Ein weiteres anonymes Porträt (Folio)
zeigt Süß, wie er im eisernen -Käfig gehenkt wird, und enthält unten
die Verse: „Wer Großer Herren — am Galgen kommen." —oü.
Bon der Belagerung Ueberlingens im Jahre 1 644.
Im genannten Jahre belagerte der bayerische Feldmarschall Graf von
Mercy die ihm wegen .ihrer Lage sehr wichtig gewordene Reichsstadt
Ucberlingcn a. B, welche im Anfang des Jahres 1643 von den
Franzosen eingenommen und hinlänglich befestigt worden war. Als
Mercy die Stadt durch einen Trompeter zur Uebcrgabe auffordern ließ,
händigte diesem der französische Kommandant Marquis de Corval mit
vieler Höflichkeit folgenden Brief ein: „Eure — sind gekommen, die
Stadt, deren Kommandant ich bin, zu belagern. Diese Belagerung
wird für Euer— erst dann recht rühmlich sein, wenn der Widerstand
der Belagerten so groß sein wird, als cs der Ruhm eines Feldherrn,
wie Mercy ist, fordert. Ich würde in der That fürchten müssen, diesem
Ruhme zu nahe zu treten, wenn ich nicht alle meine Kräfte anfbicten
wollte / mich zu verteidigen und zur Erhaltung der Stadt alle Mittel
hervorzusuchen, welche mich die meinem König schuldige Treue, meine
eigene Ehre und meine geringe Erfahrung im Kriegswesen finden lassen
wird. Ich weiß, was ich thun soll und thun kann, und ich werde
nichts versäumen, alles zu thun. Meine Kriegskameraden sind lauter
Männer von Mut und Ehre. Sie werden mit Mut und Kraft ihre
Schuldigkeit thun, und im Fall, daß auch die Kanonen Euer — ihrer
Schuldigkeit Nachkommen und die Mauern durchbohren, werden sie sich
um die Wette hervordrängen, mit ihren Körpern die Lücken auszu?
füllen." — Dieser Kommandant hielt auch Wort, und erst nach einer
viermonntlichcn Belagerung, nachdem alle Lebensmittel anfgczehrt-waren,
ergab er sich mit Accord den 10. Mai 1644. — cü.
Ein Wappenstreit. Bon einem solchen berichtet uns der be-
kannte Dominikanermönch Fel. Fabri, der Historiograph Ulms: Die
vordem edle Ulmische Familie B itterl e. führte nämlich eine Geiß im
Wappen, ebenso ein anderes damaliges adeliges Geschlecht zu Ulm.
Letzteres wollte nun, da die Bittcrle mit der Zeit in den bürgerlichen
Stand zurückgetreten waren, das Wappcnführen der Geiß im Bitterle-
schen Gcschlechtcrwappcn nicht dulden. . Die Sache kam, da die Bilterle
sich nach ivie vor zur Wetterführung ihres Bollwappens berechtigt hielten
und davon nicht abließen, zum Streit und schließlich sogar zur Ent-
scheidung bis vor den Kaiser, welcher dahin entschied: beide Familien
sollten bei ihrem hergebrachten Wappen bleiben, der adelige Wappen-
Halter soll eine Geiß mit Hörnern, der bürgerliche dagegen eine Geiß
ohne Hörner führen. Damit gaben sich denn die Streitenden auch
zufrieden. — eü.
Die Zeitschrift „Alemannia" für Sprache, Kultur, Kunst
und Altertum besonders des alemannisch-schwäbischen Gebiets
erscheint auch nach dem Ableben ihres Begründers, des Professors Or.
A. Birliugcr, unter der Redaktion des Bibliothekars Dr. Fried. Pfnff in
Freibnrg i. B. (im selben Verlage von P. Haustein in Bonn zum Jahres-,
prcise von 6 M. für 3 Hefte) weiter, allerdings in etwas veränderter Gestalt.
Neben der hergebrachten Stoffsammlung, wie sie der verlebte Birlinger
besonders liebte, soll nun auch der Darstellung mehr Raum gewährt
werden. Die „Alemannia" soll der gesamten Kulturgeschichte ge-
widmet sein, weshalb auch Kunstgeschichte und Geschichte im engeren
Sinne hcrangezogen wird. Ihr Arbeitsgebiet wird wie vorher der Bereich
des alemannisch-schwäbischen Bolkslnms sein, ohne kleine Strcifzüge in
die angrenzende» Landschaften, wie inS Frankenland, zn scheuen. Ferner
sollen stets Mitteilungen aus der gesamten althochdeutschen und mittel-
hochdeutschen Sprach- und Litteratnrgcschichte Aufnahme finden, ebenso
Besprechungen von Werken allgemeinerer oder besonderer Bedeutung.
Wie bisher wird durch die „Alemannia" gleich wie durch den ale-
manischcn Stamm und Gau ein frischer, freier, froher, unabhängiger
Zag wehen, ohne Ringe und Cliquen! Aus dem reichen Inhalte
des ersten Heftes des 20. Jahrganges sind n. a. besonders hervvrzn-
heben: „Die Geschichte der Universität Freiburg in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts, zunächst in den Jahren. 1806—l818" von Dr. Herrn.
Mayer, sowie ein kulturhistorisch, namentlich für Schwaben hochinter-
essanter Aufsatz von dem alten Mitarbeiter der „Alemannia", Amts-
richter a: D. Beck über „Oberschwäbisches Bolkstheater im 18. Jahr-
hundert". Um aber diese treffliche, keiner staatlichen Unterstützung teil-
haftige Zeitschrift lebensfähig zn erhalten, ist zahlreiche Beteiligung durch
Abonnement geboten, welches hiemit allen Freunden alter und »euer
Kulturgeschichte, besonders des alemannisch-schwäbischen Gebiets, dringend
empfohlen wird. - O.
jesellschast „Deutsches BvlkSblatt".
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