Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 2.1898

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Rudolf Klein.

INTERNATIONALE LITHOGRAPHIEN-AUSSTELLUNG IM
KUNSTGEWERBE-MUSEUM ZU PÜSSELPORF.

\ \ J\r stehen seit geraumer Zeit unter einem
" ' bedeutungsvollen Wendepunkte eines
Theiles der bildenden Kunst; der Uebergang
aus dem objektiven Naturalismus in den
subjektiven Neu-Idealismus hat ihn gezeitigt
und die Losung heisst: dekorative Kunst.
- Der Naturalismus befriedigte nicht und
so suchte man sein Heil im Neu-Idealismus,
aber noch ist in unser aller Erinnerung,
welch' vielfache Bizarrerien neben dem
wenigen Guten diese Richtung hervorge-
bracht, bis die Vertreter dieser Ausgeburten
mit viel Glück und guter Fernsicht im Gebiet
der Dekoration, des Kunstgewerbes geankert.
Die vielbesprochene Neu-Belebung desselben
ist also — so paradox es klingen mag -
aus einer Dekadenz der Kunst hervorge-
gangen. Ich erinnere hierzu nur an den jetzt
berühmten Dänen Willumsen z. B., der ver-
lacht wurde so lange er Maler war und heute
auf dem Gebiete der Keramik Hervor-
ragendes leistet — während sein Doppel-
gänger in Deutschland, Carl Strahtmann,
noch immer in der Malerei seinen Unfug
treibt, statt sich dem Kunstgewerbe zuzu-
wenden, wo er jedenfalls Bedeutendes leisten
würde, da seine ganze Veranlagung darauf
hinweist. Aber gerade diese Beispiele sollten
eine Lehre sein, dass nun nicht — wie es
so leicht bei Neuerungen der Fall ist —
jeder nach Belieben zur neuen Fahne über-
läuft, sondern nur jene, deren physiologische
Veranlagung und infolgedessen psycholo-
gische Entwickelung sie nothwendig diesen
Weg zu gehen weist. Das ist es dann auch,
was der Neu-Belebung der Dekoration eine
erfolgreiche Zukunft verspricht, dass sie
organisch gewachsen ist und nicht von
heute auf morgen beschlossen, wie jene aus
dem patriotischen Begeisterungsrummel der
siebziger Jahre. Trotzdem aber ist noch viel
Vorsicht geboten und gerade wir Deutschen,
die wir in der modernen Kunst so an der
Nachahmungssucht litten, sollten bedenken,
dass erstens das Dekorative für uns nie —
wenn auch für Japan — ein Endzweck und

höchstes Ziel der Kunst bedeuten könne,
sondern nur die Basis und der Rahmen der
zu erwartenden neuen Kunst; und zweitens,
dass wir höchstens die allgemeinen Kunst-
gesetze — denn diese sind in einer Zeit bei
jedem Volke dieselben den Nachbar-
völkern entlehnen dürfen, nicht aber den
Inhalt selbst, denn nur aus Kultur und Boden
Gewachsenes kann zukunftsträchtig sein.
Die Gesetze dieser neuen Kunst nun, und
das ist ein gutes Zeichen, sind die der aller-
grössten, nämlich primitiven Epochen: der
Künstler schreibt sein subjektives Natur-
Empfinden in der vereinfachenden psycho-
logisch-synthetischen Linie nieder, die sich
aus seinem intuitiven Fühlen bildet, wie das
Ornament aus der Seele der Pflanze! Wir
stehen demnach einmal wieder am Anfang
aller Kunst, nach dem mit allen Raffinements
der Technik ausgestatteten Naturalismus; es
gilt das Primitive, das wahre Naive und
nicht als Reaktion, sondern als Fortschritt.
Dass hieraus zuerst eine Neu-Geburt des
Ornamentalen und Dekorativen folgte, ist
selbstverständlich.
In das Gebiet dieser Kunst fällt auch
ein Theil jener interessanten Künstler-Litho-
graphien-Ausstellung, die das Düsseldorfer
Kunstgewerbe-Museum veranstaltete. Die
Ausstellung, welche von der bewährten
Kunsthandlung Bismeyer und Kraus arran-
girt worden ist, umfasst drei Abtheilungen
und sollte als erste in Deutschland uns das
Wesen der Lithographie, dieser augen-
blicklich aktuellsten der selbständigen Ver-
vielfältigungskünste, von ihren ersten An-
fangsgründen bis zu ihrer heutigen kom-
plizirten Entwickelung vorführen und hat
diese Aufgabe zur vollen Befriedigung ge-
löst. Die das Tausend überschreitende Blätter-
zahl vertheilt sich auf eine »historische Ab-
theilung« , eine Abtheilung der »modernen
Künstlerlithographie« und die des Plakats.
Diese letztere ist unnatürlich die, welche in das
Gebiet der oben geschilderten werdenden
Kunst schlägt und vornehmlich in den
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