Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 4.1899

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3>° GERMANISCHER STIL UNP PEUTSCflE KUNST.

(Fortsetzung aus Heft VI).

T^ie Ansicht, nach dem Falle des west-
römischen Reiches sei » Barbarei und Ver-
fall« (barbari och förfall Seite i) an Stelle einer
hochentwickelten Kunst und Kultur getreten,
ist in dieser allgemeinen Fassung nicht richtig.
Die siegreichen germanischen Völker, voran
die Ostgothen unter ihrem kunstsinnigen
König Theoderich, suchten, was von Bauten

H. VOGELER-WORPSWEDE.

und Bildwerken des Alterthums noch vor-
handen war, zu schützen und zu erhalten.
Dass sie nicht unmittelbar an die klassische
Kunst anknüpften und auf der vorgefundenen
Grundlage weiterbauten, lag nicht an künst-
lerischer Unfähigkeit, sondern gerade daran,
dass sie selbst schon eine eigenartige,
altererbte, in Fleisch und Blut übergegangene
Volkskunst mitgebracht
hatten, der sie untreu
werden weder wollten noch
konnten. Baudenkmäler
aus dem frühesten Mittel-
alter sind, ausser dem
Grabmal des genannten
Königs, allerdings fast
keine erhalten — die nach
germanischer Sitte in Holz
aufgeführten Königshallen
und Gotteshäuser konnten
den Stürmen der Zeit nicht
widerstehen —, von der
Prachtliebe germanischer
Fürsten aber und der Kunst
ihrer Waffen- und Gold-
schmiede legen Funde wie
das Childerichsgrab und
langobardische Fürsten-
gräber (Wieser, das lango-
bardische Fürstengrab und
Reihengräberfeld von Ci-
vezzana, Innsbruck 1887-
— Cochet, Le tombeau
de Childeric, Paris 1859)
beredtes Zeugniss ab. Dass
der germanische Stil auf
römischer Grundlage be-
ruhe (hvilar pä ett romerskt
grundlag Seite 4), ist nicht
so klar (i sig sjelf klart),
wie Söderberg meint; denn
das hohe Alter mancher
Funde, wie der schon die
schönsten Verschlingungeri
zeigenden Riemenden von
Wiesenthal, beweist, dass
die auffallendste Eigenart
desselben schon zur Zeit
der ersten Berührung mit

Radirung: »Quelle«..
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