Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 4.1899

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Pie Peutscae Kunst-Ausstellung
£u prespen * vqn mai-oktqber 1899.

A. MODERNE ZIMMER-AUSSTATTUNG.

eine deutsche Stadt kann
sich rühmen, eine Aus-
stellung in ihren Mauern
beherbergt zu haben,
auf welcher die mo-
derne dekorative Kunst
so umfassend vertreten
gewesen wäre, wie in der
diesjährigen Dresdener. In
Dresden hat man wirklich
einmal gründlich Ernst gemacht mit der
Wiederanerkennung des Grundsatzes, dass
nicht bloss Gemälde und Skulpturen Kunst
seien, sondern dass auch ein Schrank, ein
Stuhl, ein Zinnteller, ein Bucheinband nebst
Vorsatzpapier den gleichen Anspruch auf
Würdigung als Kunstwerk habe, sobald sich
darin eine künstlerische Individualität aus-
prägt. Man darf jetzt die Frage aufwerfen,
ob es nicht ein Fehler war, dass seinerzeit
bei der Wiedererweckung des Kunstgewerbes
durch Eitelberger, Semper u. a. eine besondere
neue Art von Schulen für das Kunstgewerbe
begründet wurde und ob es nicht klüger
gewesen wäre, die Kunstakademien dem
neuen Kunstgewerbe in entsprechender Weise
dienstbar zu machen. — Bekanntlich greift
jetzt auch die Reue Platz, dass man neben
den Universitäten Technische Hochschulen
geschaffen hat, anstatt die neuen Fächer den
alten Hochschulen einzugliedern. Indess ist

es doch schwer zu sagen, ob jenes Urtheil
auch gerecht ist und ob die damaligen Ver-
hältnisse eine Eingliederung der dekorativen
Kunst als Lehrfach in die Kunstakademie
gestattet hätten. — Jedenfals hat die Ent-
wicklung der Verhältnisse bewiesen, dass
die kunstgewerbliche Bewegung, die in den
fünfziger Jahren mit der grossen Londoner
Weltausstellung begann, dem Handwerk
nicht hat aufhelfen können, sondern dass sie
vielmehr ein Hebel der Industrie geworden
ist. Gegenwärtig aber erleben wir den Rück-
schlag gegen die industrielle kunstgewerb-
liche Bewegung, welcher wieder der persön-
lichen Bethätigung des Künstlers auf deko-
rativem Gebiete ihr Recht gibt. Auch die
Künstler, das will heissen, die Maler und
Bildhauer mussten erst wieder für den Ge-
danken gewonnen werden, dass sie ihrer
Würde nichts vergeben, wenn sie Entwürfe
zu allerhand Geräthen machten und deren
Ausführung überwachten. Wenn dieser Ge-
danke in den letzten Jahren so schnelle Fort-
schritte gemacht hat, so hat auch die Ueber-
schwemmung des Marktes mit Gemälden,
deren grössere Hälfte natürlich unverkäuflich
bleibt, der allzu grosse Wettwerb auf dem
Gebiete der Malerei und Plastik seinen An-
theil an dieser Wandlung. Der rege Verkauf
der »objets d'art« zeigt, wie sehr die moderne,
dekorative Bewegung einem Bedürfnisse,

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