Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

Seite: 467
DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1905/0084
Lizenz: Freier Zugang - alle Rechte vorbehalten Nutzung / Bestellung
0.5
1 cm
facsimile
OTTO SCHNARTZ—MÜNCHEN.

Entwurf zu einem herrschaftlichen Wohnhaus.
(Im Wettbewerb W. Girardet—Essen angekauft.)

ARCHITEKT OTTO SCHNARTZ.

Raumgestaltung, Raumverteilung [ist die
Seele des Baugedankens. Durch den
Zweck wird das Bauwerk zugleich gerecht-
fertigt und eingeschränkt, geadelt und ge-
bunden. Und so fügt sich Stein zu Stein,
die Mauern wachsen und ziehen sich das
Dachgebälk als Schutz und Krönung über
das Haupt. Tief innen liegt des Hauses
Herz: die Diele. Und von ihr aus spreiten
sich die Räume in allen Richtungen und
suchen das Licht. Die Fenster wieder suchen
die umgebende Natur und brechen überall
da durch die Mauer, wo Strasse oder Land-
schaft am schönsten hereinblicken können.
Treppen wandeln von der Diele aus empor,
und das Spiel wiederholt sich, bis jedes Be-
dürfnis des Menschen in lichten freundlichen
Kammern behaust ist, ein Bild des mensch-
lichen Lebens in Räumen und ein getreues
Dokument seiner jeweiligen Kultur.

Zunächst existiert das Haus als Idee im
Geiste des Erbauers. In dem Augenblicke
aber, wo es in die Erscheinung tritt, wird es
gezwungen, eine feste, bestimmte Form an-
zunehmen ; und da alles menschliche Gestalten
Kunst genannt wird, redet man mit Fug
und Recht auch von der Architektur als
einer Kunst. Jedes Bauwerk ist daher ein

1905. VIII. 1.

künstlerischer Akt, weil es schafft und gestaltet,
wo vorher die freie Luft ungehindert über
offenes Feld strich.

Nun heisst es, in der äusseren Erscheinung
des Baues ausdrücken, welches Leben hinter
den Mauern sein Spiel treibt. Es heisst akzen-
tuieren, steigern und betonen, es heisst Farbe
bekennen und klar zum Ausdruck zu bringen,
wes Geistes Kind der Architekt und sein
Werk sein mögen. Und nicht nur das. An
jeden Schaffenden, also auch an den Archi-
tekten, tritt die grosse Gläubigerin, die Kultur,
heran und verlangt von ihm den Ausdruck
seiner speziellen Auffassung der Zeit. Sie
verlangt von ihm sein persönliches Wort zu
ihren Kämpfen und Bestrebungen; er soll
den Mikroskosmos von Räumen, der hinter
diesen Mauern lebendig ist, sublimieren und
zugleich der Menschheit dienen, indem er
wichtigen, aktuellen Gedanken grossbewegte
Formen gibt und durch diese Aussprache
klärend und fördernd an der allen gemein-
samen Kulturarbeit teilnimmt.

Diese ästhetische Forderung findet man
häufig in die Wendung eingekleidet, dass
das Bauwerk nicht nur zweckentsprechend,
sondern auch »schön« zu sein habe. Aber
es gibt keine missverständlichere Formulierung

467
loading ...