Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 16.1905

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MODERNE BAUTEN AN ALTEN STRASSEN?

Alte Antworten auf eine neue Frage von E. W. Bredt.

Zwei Ereignisse baukünstlerischer Art
fördern in verschiedener Weise die Be-
antwortung der Frage: »Dürfen in alte
Stadtbilder neue d. h. moderne Bauten ein-
gefügt werden?*

1. Nürnberg will »die alte Schau«, ein Ge-
bäude aus der Übergangszeit zur Renaissance,
an der Stelle wieder aufbauen, wo es vor
langer Zeit gestanden, weil es besser in das
Bild passe als ein jetzt dort noch stehendes
Gebäude der Empirezeit.

2. Die Münchner Künstler - Kommission
gestattete einem Architekten nicht, einem
modernen Warenhaus eine jPfeileriassa.de zu
geben, weil diese nicht in der betreffenden
altertümlichen Strasse angängig sei.

Um sich nicht in rein ästhetischen Be-
trachtungen zu verlieren, sei hier einmal ein
sehr kurzer historischer Rückblick gegeben,
wodurch für die Beantwortung der Frage
Jeder so viel Material suchen und finden
wird, wie er mag.

Die hohen gotischen Dome, die sich noch
jetzt über die höchsten Geschäftshäuser in
den Zentren unserer alten Städte erheben,
imponieren uns allen auch heute noch. Aber
wie gewaltig muss das Erstaunen der braven
Bürger gewesen sein, die Zeugen waren,
wie kühne Baumeister mitten in dem Ge-
wirre kleiner Häuser und Häuschen Bau-
Kolosse errichteten, wie sie seit dem Unter-
gange der alten Welt Keiner zu errichten
gewagt. Rücksichtslos im buchstäblichen
Sinne des Wortes waren die Baumeister der
gotischen Kathedralen, waren die Erwin von
Steinbach, Gerhard von Riel, Ulrich von
Ensingen u. A., als sie in Strassburg, in
Köln und Ulm die Münster und Dome ganz
so anlegten oder ausbauten wie ihr bedeutend
erweitertes Bauvermögen es gestattete. Sie
schauten nicht zurück, aber sie hatten sich
umgeschaut und waren ganz erfüllt von den
modernen Bauaufgaben ihrer Zeit, die in
Frankreich durch geniale Neuerer schon Ge-
stalt gewonnen hatten. Man vergegenwärtige
sich einmal ohne Sentimentalität das Bild jener
Zeit, in der solche Kolosse über den engen
Gassen erwuchsen. Der Begriff »schön« ver-

sagt doch da vollkommen, um ein solches Bild
zu charakterisieren, denn die Grössen- und
Massen-Unterschiede waren riesige. Und so
lange insbesondere dem weiten Turm die
erleichternde Spitze fehlte — und wie manches
Jahrhundert blieben die grössten Türme un-
vollendet — erdrückte er die um und unter
ihm sich zusammendrängende Stadt. Das
Wort »imponierend« ist hier am Platze, aber
in seinem eigentlichen Sinne. Vielleicht
ist's die Freude über so gewaltig lastende
Rücksichtslosigkeit des Erbauers, die uns
auch noch unter verändertem Bilde imponiert,
und die unser Auge stumpf gemacht hat für
das friedliche Nebeneinander von Roma-
nischem und Gotischem, von Wandflächen
mit kleinen Fenstern und Pfeilerfassaden
riesiger Höhe. Doch wer nun jene gewal-
tigen Bauwerke, die sich ganz und gar nicht
anpassen wollten an die kleineren Werke,
die zuvor entstanden waren, als hervor-
ragende künstlerische Denkmäler des Geistes
jener Zeiten gelten lässt, der muss auch in
ihnen die Frage bejaht finden: Darf man
neben ein würdiges Bauwerk einer alten
Zeit ein Gebäude neuen Zweckes, neuen
Geistes, neuer Form setzen?

Und doch wird man vielfach diese ge-
waltigen kunstgeschichtlichen Dokumente
nicht gelten lassen zur klausellosen Beant-
wortung dieser Frage, die frühere Jahrhun-
derte nicht kannten. Man will vielleicht
diese gewichtigen Zeugen hier nicht gelten
lassen, weil das Gegensätzliche, Fortschritt-
liche, der gotischen Bautendenzen neben
denen der romanischen oder karolingischen
Epoche von der grösseren Menge durchaus
nicht empfunden d. h. gesehen wird. Tat-
sächlich sind wir ja glücklicherweise an das
Nebeneineinander sehr verschiedener Bau-
formen an unseren grossen mittelalterlichen
Bauten so sehr gewöhnt, dass wir es als
»malerisch« empfinden und als harmonisch
preisen und wir erst vom Historiker uns
aufmerksam machen lassen müssen, dass
meist verschiedene Zeiten ihre bautechnischen
Fortschritte darin niederlegten, ihren eigenen
Geist darin verkörperten.

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