Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 25.1909-1910

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ARCHITEKT CARL WITZMANN-WIEN.

VON A. S. I.EVETUS-WIEN.

Daß Carl Witzmann zu den begabtesten
jüngeren Architekten Wiens gehört, ist
schon an dieser Stelle anerkannt worden. Als
Schüler Professor Hoffmanns hat er gleich
am Anfange seiner Tätigkeit die größten Hoff-
nungen erweckt, und seine Entwicklung hat
uns nicht enttäuscht. Als gelernter Tischler
kam er an die Wiener Kunstgewerbe-Schule;
die Erfahrungen und praktischen Kenntnisse,
mit denen er ausgerüstet war, zusammen mit
seiner künstlerischen Begabung, dem weiten
Blick und dem feinen, angeborenen und aus-
gebildeten Schönheitsgefühl, sind ihm sehr zu-
statten gekommen.

In seinen Arbeiten liegt immer viel erfreu-
liche Frische, seine Entwürfe sind fein erson-
nen, die Raumlösung und Ausstattung gut und
zweckentsprechend, stets den Charakter ihrer
Bestimmung spiegelnd.

Seine gründliche Ausbildung als Handwerker
befähigt ihn, die Ausführung seiner Entwürfe
bis ins kleinste zu überwachen. Künstlerischer
Takt leitet ihn, die Beziehungen zwischen dem
Bewohner und seinem Heim mit Sicherheit
herauszuarbeiten, sodaß alles im schönsten
Einklang steht. Die hier abgebildete Wohnung
des Herrn J. mag als Beispiel dienen. Im
Wohnzimmer hat Witzmann den Liebhabe-
reien des Besitzers, eines eifrigen Liebhaber-
Photographen und Sammlers , Rechnung ge-
tragen. Eine Reihe großer künstlerisch durch-
geführter Landschafts-Aufnahmen ist in die
Täfelung der Wand eingefügt. Der Raum ist
von reizvollster Wirkung. Ein breit gehaltener
Kamin aus grauem Malplaquet, mit Säulen aus
schwarz-weißem Brescia-Marmor ist ihm ein
besonderer Schmuck. Die darüber befindliche
ornamentale Malerei, eine eigenhändige Arbeit
Witzmanns, in blauen, violetten und silbernen
Tönen gehalten , stimmt harmonisch zu der
grauenFarbe der Wände und den vorherrschend
grauen Tönen des Zimmers. Die nicht nur an
der Decke, sondern auch tiefhängend an den
Wänden angebrachten Beleuchtungskörper er-
möglichen eine gleichmäßige Lichtverteilung im
Raum. Die bequemen und schönen Sitzgelegen-
heiten und die gemütliche Fensterpartie sind

bemerkenswert gute Lösungen. Die Bleiver-
glasung des Fensters ist in weiß, blau, violett
und grün gehalten. Das ganze Zimmer atmet
wohltuende Ruhe.

Beim Speisezimmer hat Witzmann zwei klei-
ne Räume zu einer schönen Einheit vereinigt.
Den unteren Teil eines der beiden Fenster hat
er zugebaut und damit eine Eckpartie gewon-
nen. Um eine geschlossene Wirkung des Rau-
mes zu erzielen, sind die Wände durch Scha-
blonierung in quadratische Felder eingeteilt; die
Fenstervorhänge weisen das nämliche Motiv
auf. Gleich beim Eingange befinden sich zwei
Nischen; die eine dient als Plauderecke, die
andere als Servierraum, so daß der Anrichte-
tisch unmittelbar bei der Türe steht. Der Ka-
minumbau der Plauderecke ist ganz einfach
gehalten und weiß lackiert, die freistehenden
Möbelstücke schwarz gebeiztes Eichenholz.
Schlicht und fein sind auch Kredenz und Ser-
viertisch. Es war dem Architekten darum zu
tun, sie möglichst glatt zu halten, deshalb hat
er statt der üblichen Messinggriffe solche aus
Holz angebracht, die im Einklang mit den ge-
schnitzten Säulen stehen.

Das Schlafzimmer, in Ahornholz weiß lak-
kiert, ist ein besonders reizvoller Raum. Vor-
hänge aus bedrucktem Leinen, gelb auf weiß,
mit Schleifen zusammengehalten, umgeben
das Bett. Die Wände wiederholen Farbe und
Muster der Vorhänge, die Bettdecke ist gelb.
Die Schränke sind im Profil ganz glatt, die
Ecken abgerundet. Die Polster von Sopha
und Sessel sind derart angebracht, daß sie
mühelos abgenommen werden können.
• Der Vorraum ist ebenfalls höchst praktisch
eingerichtet, in weiß lackiertem Ahornholz
gehalten, der Fußboden mit Linoleum belegt.

In der ebenfalls von Witzmann eingerich-
teten Halle des Herrn B. waren manche
Schwierigkeiten zu überwinden, doch gerade
in der Beseitigung solcher liegt für den schaf-
fensfreudigen Künstler der größte Reiz. Um
eine hohe und geräumige Halle herzustellen,
hat der Architekt die vorhandene Decke durch-
brochen und die obere Stiege tiefer gelegt.
Reizvoll ist auch das Blumen-Arrangement,

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