Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 25.1909-1910

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KLEINE KUNST-NACHRICHTEN.

FEBRUAR 1910.

BERLIN. Nicht gerade viel von nationaler
Eigenart lägt die ungarische Aus-
stellung im Hause der Sezession erkennen,
und das künstlerisch Beste ist dem französischen
Einfluß von Corot und Courbet bis zu Manet zu
verdanken, ja bis zu einer nicht sehr geschickten
Nachahmung Qauguins und Cezannes hat man
es dort zu Lande gebracht. Als einer der besten
älteren Maler erweist sich Munkascy, und
jenes Waldinnere, in das helles Sonnenlicht fällt,
ist vielleicht das schönste Bild, das ich je von
ihm sah. Er ist der einzige, der nicht nur von
den Franzosen genommen hat, sondern der selbst
Schule machte. Am bekanntesten ist sein Ein-
fluß auf den jungen Liebermann. Paal, auch
einer der Älteren, verlor seine heimische Eigen-
art in Barbizon, während Paul von Szinyei in
München mit Leibi und Böcklin gemeinsame
Sache machte und besonders den letzteren schlimm
genug imitierte. Erst später fand er sich selbst
und lenkte in den Impressionismus ein. Ein sehr
hübsches Bild, die „Landpartie", hat auch in
der Farbengebung Eigentümlichkeiten, die man
beinahe national nennen könnte. Und kaum
anders als in der Wahl der Harmonie der Farben
zeigt sich überhaupt das Ungarische bei diesen
Malern. Unter den Jüngeren fiel mir das be-
sonders bei Rippl-Ronai und Stefan Csok
auf. Weitaus der geschickteste Maler unter
ihnen ist aber Adolf Fenyes, freilich auch der-
jenige, der am meisten französische Art ange-
nommen hat. Seine hellen, sonnigen, lufter-
füllten Bilder fallen auf und bleiben in angenehmer
Erinnerung. Karl von Ferenczy ist weniger
gleichmäßig gut, hat aber einige starke Land-
schaften in der Ausstellung. Auch ein gewisses
slavisches Element macht sich bemerklich, dem
deutschen Empfinden am fernsten stehend und
allgemein von einem dekadenten Mystizismus.
Es ist bezeichnend, dag in diesen Bildern, auch
Entwürfen, Tapisserien, die Linie vorherrscht.
Das Berliner Publikum scheint sich für die
Ungarn nicht sonderlich zu interessieren. Der
Besuch der Ausstellung ist schwach, und das
haben die opferwilligen Veranstalter nicht ver-
dient. — Von der Spaltung in der Sezession
hat die Tagespresse genügend berichtet und
auch davon, dag man den Rig notdürftig wieder
geleimt hat. Die Alten und die Jungen haben
sich zu einem glatten Kompromiß verstanden,
zurzeit vielleicht das Beste, was sie überhaupt

tun konnten. Lange wird es nicht dauern, denn
die jungen Künstler, unter denen sich starke Be-
gabungen mit Zielen befinden, die dem Wesen
des von der Sezession bisher gehüteten Im-
pressionismus zuwiderlaufen, werden die Rechte
der Jugend und der Zukunft geltend machen.
Vorläufig aber ist wenig zu sagen, und was ge-
schehen mug, wird kommen, sobald die Zeit
reif dazu geworden ist. ewald Bender.

Ä

CADINEN. Bei A. Wertheim in Berlin gibt
es jetyt eine große Kollektion neuer Kera-
mik aus Cadinen zu sehen. Blumentöpfe, Pflan-
zenkübel, Pflanzenkästen, Vasen, mancherlei Klein-
gerät, Plastiken. Am trefflichsten sind die Terra-
kotten; doch auch die mit ein- oder mehrfarbiger
Glasur überzogenen Gefäße haben gute Quali-
täten. Jedenfalls darf festgestellt werden, dag
die Kaiserliche Manufaktur unter der Führung
rühriger Künstler vorangekommen ist. Wir wer-
den davon im nächsten Heft durch eine Ver-
öffentlichung mit wohl gelungenen Bildern noch
mehr zu berichten haben.

S

I^RIEDRICH NAUMANN. Die Freunde der
Qualitätsarbeit und der Schönheit wissen
immer noch nicht zur Genüge, wie viel Friedrich
Naumann dazu beigetragen hat, dag die Dunkel-
heit eines satten Philisteriums, die über dem sieg-
haften Deutschland lagerte, der Morgenröte einer
neudeutschen Kultur wich. So scheint es nicht
unangebracht, scheint es vielmehr eine Pflicht,
immer wieder auf Naumanns Schriften hinzu-
weisen; wie eine Art Danksagung mag es em-
pfunden sein, dag wir dies gerade heute tun : am
25. März wird Naumann 50 Jahre alt werden.
Die Deutschen sind gegen ihre führenden Geister
immer undankbar gewesen; um so nachdrücklicher
sollten die Wissenden dafür sorgen, dag die
wenigen Lichter, die uns wurden, nicht unter den
Scheffel geraten. hu.
Ä

CASSEL. Unter den Sondergruppen der künst-
lerisch Schaffenden der Gegenwart nehmen
die „Elbier" in Dresden, deren geschlossene Vor-
führung der Kunstverein in Cassel in einer sehr
beachtenswerten Ausstellung vom 15. Dezember
1909 bis 15. Januar 1910 zeigte, eine eigenartige
und für das Kunstschaffen unserer Zeit bezeich-
nende Stellung ein. Diese manifestiert sich vor
allem in der einheitlich guten, von einem ehr-

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