Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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wassili schuchajew.

»grüner pfeffer«

DIE „LÜGE" DER KUNST. Mit dem mensch-
lichen Sehen hat es eine eigenartige Be-
wandtnis : denn es verändert sich mit den Zei-
ten und Persönlichkeiten. Der Urmensch sah
die Dinge anders als wir, der Idealist anders
als der Realist, der Dichter anders als der Real-
politiker. Das Weltbild des einen ist dem an-
dern eine fromme Lüge oder ein Truggebilde.
Die Linien und Farben der Natur verwandeln
sich ebenso mit jedem Künstlerauge, das sie
erschaut. Wer hinter seiner Zeit zurückblieb
und die Welt mit den Augen des Idealisten er-
blickt, während die andern dem Realismus
huldigen, der erscheint seinen Zeitgenossen als

ein Unwahrer. Das gleiche geschieht mit dem,
der seiner Zeit voraus eilt. Es ist in dieser
Hinsicht ein schlimmes Geschick des echten
Künstlers, daß er von Natur dazu bestimmt ist,
auf Grund der Eindrucksfähigkeit seiner Sinne
stets einen Schritt voraus in die Zukunft zu tun.
Daher gilt der Künstler den Zeitgenossen leicht
als unaufrichtig. Je aufrichtiger er die eigene
Sinnesart ausdrückt, desto mehr lügt er — nach
der Meinung der anderen. Zu seiner moralischen
Ehrenrettung hat man sogar versucht, ihn als
— verrückt zu bezeichnen. Denn nur dem
Narren ist es gestattet, von der Sinnesart ande-
rer abzuweichen, — ohne zu lügen, curt bauer.
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