Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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A itsdruckskunst.

Wesenhaften kann sich auch gegenüber dem
natürlichsten Vorwurf auswirken. Immerhin ist
es kein Zufall, daß sich der Expressionismus mit
Vorliebe religiösen Aufgaben zuwendet, hat er
doch dort die meiste Aussicht auf gleichgestimmte
Menschen zu treffen, die erfüllt von mystischen
Gefühlen, eine Erhebung über das Alltägliche
und eine Verklärung der Welt anstreben.

Haben wir durch diese Ausführungen dar-
gelegt, worin wir den Expressionismus als
Ausdruck innerlichster Erlebnisse schätzen, so
ergibt sich von selbst, daß wir ganz anders über
jene Willkür urteilen, die sich unter diesem
Sammelbegriff zusammenschart und bewußt
nachahmt, was gerade nur dort erstehen kann,
wo jede Nachahmung fremder Willenserzeug-
nisse ausgeschlossen ist. Man spricht bald vom
zunehmenden Erfolg, bald vom herannahenden
Ende des Expressionismus. Beides hat nur dann
Sinn, wenn man an eine zur Mode gewordene
Darstellungsweise denkt, die unter Ausschal-
tung der natürlichen Wirklichkeitsformen und
der unvergänglichen künstlerischen Gesetze,
sehr oft auch unter dem Mangel handwerklicher
Voraussetzungen ihre Orgien feiert. Die Frage
nach Bestand oder Niedergang verliert jeden
Sinn, sobald man unter Expressionismus jene
Ausdruckskunst versteht, die irgendwie immer
war, immer ist und immer sein wird als schöpfe-

rische Versichtbarung tiefinnerlich unbewußt
erlebter Gefühle in Leid und Freud'; also eine
Kunst, welche auch dort, wo sie die Grenzen
kühn überschreitet, welche die Tradition er-
richtet hat, sich in geheimnistiefer Selbstbe-
sinnung auf das ewig Wesenhafte bezieht und
geleitet vom schöpferischen Eros so gestaltet,
wie sie aus innerstem Drang gestalten muß. —
Ä

KUNST UND — KÖNNEN. „Das Wollen
macht es nicht allein, auch das Können
muß bei dem Wollen sein". So formulierte
Goethe einmal das Wesen der Kunst. Das
Publikum fragt aber im allgemeinen nicht, was
der Künstler wollte. Es fragt nur immer, was
es selbst will, und das ist es, was der Künstler
können soll. Der eine will bei einem Kunst-
werk die Bäume des Waldes, der andere die
Blätter des Baumes zählen, und der dritte will
von einem Sonnenuntergang auch im Bilde ge-
blendet werden. Kann das der Maler, so ist
er für ihn ein Künstler. Selten jedoch fragt
jemand danach, worauf es dem Künstler da-
beiankam, was er eigentlich wollte? Nur dann
indessen darf man Kunst im Goetheschen Sinne
von Können ableiten. Was der Künstler
selbst will, darstellen zu können, ist Kunst.
Und dieses sein Wollen im Bilde zu erken-
nen, ist Kunstsinn........... curt bauer.

prof. heinrich straumer—berlin. »landhaus de vriess in marsberg«

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