Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

Page: 306
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/dkd1923/0322
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
KÜNSTLER-ELEND. Ein Künstler schreibt:
Auf der Kunstversteigerung bei Paul Grau-
pe in Berlin sind kürzlich Preise erzielt worden,
die stattlich erschienen. So gingen Handzeich-
nungen von Wilhelm Busch mit 500 bis 675 000
Mark weg, solche von Lovis Corinth brachten
650 000 bis 1 000 000 M. und Lieb ermann wurde
noch höher bewertet. 116 prachtvolle Blätter
von Piranesi kamen auf 31 000 000 M. Und den
Vogel schoß Slevogt mit seiner Lederstrumpf-
Mappe für 14 Millionen, seiner Cellini-Mappe
für 11,5 Millionen Mark ab. Diese Summen ga-
ben anscheinend das erfreuliche Bild, daß heute
für die Kunst gute Preise gezahlt werden. Und
doch beweist nichts schlagender, in was für ein
Elend die Künstler durch die Geldentwertung
gestürzt werden. Setzen wir die Million Papier-
mark gleich 50 Goldmark (in Wahrheit stand sie
noch tiefer), so heißt das, daß für Handzeich-
nungen von Corinth 50 und sogar 30 M. bezahlt

worden sind. Vor dem Kriege konnte man
schwerlich ein Blatt unter 200 M. haben. Die
Stiche von Piranesi brachten im Durchschnitt
einen Erlös von etwa 13 Goldmark. Für die
Mappen von Slevogt, die nicht unter 2000 bis
3000 M. zu haben waren, wurden 700 und
575 M. gezahlt. Als Wichtigstes kommt aber
dabei in Betracht, daß diese Preise auf einer
stark besuchten, heiß umstrittenen Auktion ge-
zahlt worden sind und für Werke erster Künst-
ler. Danach kann sich ein jeder selbst sagen,
wie weit die Bezahlung bei Atelierverkäufen
und weniger bekannten Künstlern hinter den
genannten Zahlen zurückbleibt. Wohl keinen
Stand hat die heutige Zeit so sehr zurückge-
drückt, wie den bildenden Künstler. Eine Ver-
armung der Künstler ist die Folge und damit
ein Versiegen der Kunsttätigkeit. Was hier
von den bildenden Künstlern gesagt ist, trifft
übrigens für alle geistigen Arbeiter zu I . . .

CLAIRE SKLMAIR-MÜNCHEN. »TÄNZERIN« WACHSPUPPE.

306
loading ...