Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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WIENER WER KSTATTE—WIEN.

»KERAMIK« RENI SCHASCHL.

DIE SORGE UM DIE ZUKUNFT DER KUNST.

Goethe hat darauf hingewiesen, daß der
Mensch sich als eine „bildende Natur"
erweise, wenn „seine Existenz gesichert" sei.
Er sagte: „Sobald er nichts zu sorgen und zu
fürchten hat, greift der Halbgott
— wirksam in seiner Ruhe —
umher nach einem Stoff, ihm
seinen Geist einzuhauchen." —
Ist damit aber erwiesen, daß die
Künste nur in lauschiger Stille
und aus sattem Behagen er-
blühen können? Müssen sie
inmitten von Sturm und Drang,
von Ängsten und Sorgen ver-
kümmern? — Aus einer um-
stürmten Ecke Deutschlands
klingt andere Kunde. — Auf der
Insel Sylt wuchs seit unvordenk-
lichen Zeiten jener Zweig des
indogermanischen Stammes, in
dem mehr als ein Geschichts-
kundiger die vollendetste Ver-
körperung germanischen Wesens

GOLDENER ANHANGER« PECHE

gesehen hat: das Geschlecht der Friesen. Man
wußte und weiß vieles von ihm zu rühmen: die
Festigkeit des Charakters, die Muskelkraft der
Glieder, die scharfen Sinne, den glühenden
Freiheitsdrang und anderes mehr.
Von einem besonderen Sinn für
künstlerische Dinge aber weiß
bis ins sechzehnte Jahrhundert
hinein kein Chronist zu melden.
— Und doch findet man in den
Truhen und Schränken der Syl-
terinnen noch heute Überbleib-
sel einer „Nationaltracht" von
großem Reichtum und zierlich-
ster Stickerei und man kann
sich in den Schleswig-Holsteini-
schen Museen davon überzeu-
gen, daß im 17. und 18. Jahr-
hundert in den friesischen Stu-
ben Sylts eine sehr lebhafte
Schmuckfreude heimisch war. —
Wie erklärt sich das? — Aus
einem seltsamen Umschwung
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