Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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BRUNO KRAUSKOPF—BERLIN.

»MADCHEN IN HANGEMATTE« 1921.

EISENKUNSTGUSS.

Mit dem Entwurf des Eisernen Kreuzes, den
Gottfried Schinkel zu Beginn der Be-
freiungskriege anfertigte, begann in der Ge-
schichte des Eisengusses eine Epoche, welche
das schlichte und herbe Material zu hohem
künstlerischen Ansehen brachte. Die Verar-
mung des deutschen Volkes in der Gegenwart
hat bei vielen Freunden jenes alten Eisenkunst-
gusses die Erwartung wachgerufen, daß das
Eisen als Kunstmaterial wieder an Bedeutung
gewinnen könne. Aber diese Erwartung hat
sich im großen und ganzen nicht erfüllt.

Zwei Ursachen liegen dieser Tatsache zu
Grunde, Die eine sehen wir in der anders ge-
arteten Geistesrichtung. Vor 100 Jahren er-
schien die Bevorzugung des Eisens in der Ar-
chitektur, im Kunstgewerbe und Frauenschmuck
wie ein Bekenntnis der ganzen Nation zu größ-
ter Einfachheit der Lebensführung. Heute da-
gegen herrscht in den Kreisen, welche noch in
der Lage sind, Kunstwerke zu erwerben, das
Verlangen vor, sich nicht nur den künstlerischen
Wert, sondern auch den materiellen Wert des

Kunstwerkes anzueignen. Die Kunstbronze
dient wie der echte Teppich und das Bild des
berühmten Meisters als Sachwert, und hat
diesen gegenüber den Vorzug, in dem kostbaren
Material einen greifbaren Wert zu bieten, der
auch denjenigen Käufern einleuchtet, denen
künstlerische Werte ein Unfaßbares sind. Die
zweite Ursache ist wirtschaftlicher Natur. Vor
100 Jahren war der Eisenkunstguß sehr viel
billiger als der Bronzeguß, weil die Material-
kosten von ausschlaggebender Bedeutung für
die Produktionskosten waren. Heute dagegen
treten die Unterschiede der Materialpreise hinter
die Gesamtkosten völlig zurück, sodaß die Her-
stellung des gleichen Gegenstandes in Bronze-
guß und in Eisenguß nur einen verhältnismäßig
geringen Preisunterschied zeigt. Mit andern
Worten: Auch der Eisenguß ist so teuer ge-
worden, daß wenn heute ein Kunstwerk in Eisen
gegossen wird, es nicht der größeren Billig-
keit wegen geschieht, sondern weil der Künstler
das herbe Material aus rein künstlerischen
Erwägungen bevorzugt. ... dr. g. v. pechmann.
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