Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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MAX ESSER.

»AFFENMASKE i

DAS WESEN DES PORZELLANS.

In jedem Werkstoff liegt eine, aus der Tiefe
des Seins sprechende, mystische Gewalt. Wie
der Stoff selbst Verkörperung des Willens ist
der diese Welt schuf, so liegt in jedem Stoff ein
besonderer Formwille, gegen den man nicht
ungestraft sündigen darf. Nur wenn der Gestal-
tungswille des Schaffenden sich mit diesem
Formverlangen des Stoffes auf einer Linie trifft,
entsteht das Kunstwerk, das gleichberechtigt

neben den Werken der Natur steht........



Das Porzellan hat, wie jeder Werkstoff,
seine bestimmten Größengesetze. Denke daran:
Ein Mineral, das erbsengroß, geschliffen zum
schönsten Edelstein wird, wäre als haushoher

Felsblock nur ein schwerlastender Stein.....

* - • '

Das Wesen des Porzellans wurzelt im Licht.
Das Porzellan trinkt das Licht in sich hinein
und strahlt es tausendfach gebrochen als weißes
Licht zurück. So ist der weiße Schein sein
eigenstes Wesen, das es sich selber gibt. Dieses
innere Licht gilt es zu höchster Entfaltung zu
bringen. Wer Porzellan vollständig, oder mit
lichtundurchlässigen Farben bedeckt, tötet
dieses Licht. Wer Porzellan in geschlossene,
schwere Formen zwingt, tötet dieses Licht.
Dünne Kanten, die der Schein leicht durchdringt,
heben das Licht, und Farben, die wie Edelsteine
auf der weißen Fläche sitzen, lassen das Weiß
selbst zu leuchtender Farbe werden........

Porzellan ist ein Werkstoff, den der Mensch
sich selbst als Stoff geschaffen hat. So ist es
eine Welt für sich, in der der Mensch unbe-
stritten als Schöpfer herrscht. Darum liebt er
das Porzellan und ist nicht wenig stolz auf diese,
seine Welt. Und wie gleicht diese Welt ihrem
Schöpfer. Auf 10 000 Stück Dutzendware
kaum ein Charakter, jeder Stoß bringt sie zum
Brechen. Arme Welt, armer Schöpfer! Und
doch, wenn der Wurf gelang, wenn Form und
Farbe im Feuer geeint leuchtendes Leben ge-
wannen, dann wird menschliches Können aus

eigener Kraft den seligen Göttern gleich.....

*

Eigenstes Gebiet des Porzellans ist das Eß-
geschirr. Kleinplastiken kann man auch aus
Holz, Elfenbein oder Bronze herstellen, als Ge-
schirr ist Porzellan unersetzlich. Wer möchte
wohl von irdener oder hölzerner Schüssel essen,
selbst Zinn und das edle Silber wirken als Träger
von Speisen schwer und unfreundlich. Erst das
Tafelgeschirr aus edlem Porzellan hat die Mahl-
zeit des Europäers aus der Sphäre grobsinn-
licher Befriedigung eines Bedürfnisses auf die
Kulturstufe gehoben, die dem geistig hoch-
stehenden Menschen angemessen ist. So hat
das Porzellan dem Menschen gedankt, indem
es einen seiner sinnlichsten Triebe adelte;
deshalb sind Tassen und Teller aus edelstem
Porzellan so unendlich viel wichtiger als Fi-
guren.............. MAX ADOLF PFEIFFER.
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