Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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RICHARD GESSNER—DÜSSELDORF.

IM BESITZ VON SEELIG—DÜSSELDORF »SÜDBAYERISCHE LANDSCHAFT«

DEUTSCHE KUNST UND FRANZÖSISCHE KUNST.

VON ERNST V. NIEBELSCHÜTZ—MAGDEBURG.

Versucht man das innerste Wesen der
deutschen Kunst auf eine möglichst kurze,
zugleich präzise und doch nicht zu enge For-
mel zu bringen, so wird man sagen können:
sie ist Ausdruck einer romantischen
Seelenverfassung. Die These hat nur den
einen Nachteil, selbst wieder eine neue Frage
zu enthalten, die Frage nämlich, was man unter
„Romantik" zu verstehen habe. Ich denke
hierbei nicht an die so getaufte geschichtliche
Stilerscheinung, die sich mit dem Nazarener-
tum der Cornelius und Overbeck deckt,
sondern an etwas viel Allgemeineres und Um-
fassenderes: an den geistigen Hinter- und
Untergrund dessen, was wir als eigentümlich
deutsch bezeichnen zu müssen glauben.

Dieses Romantische äußert sich negativ
als Abneigung, ja geradezu Unvermögen, die
äußere Erscheinung der Dinge, ihren schö-
nen Schein, ihre reizende Oberfläche, als end-
gültige Tatsachen anzuerkennen. Der roman-
tische Geist will nicht den Schein, er will die
Sache selber, nicht flüchtiges Sinnenglück,
sondern Erkenntnis.S eine realistische Gründ-

lichkeit, die oft genug bis an die äußersten
Grenzen des Erträglichen geht, steht keineswegs
damit in Widerspruch. Sie ist nicht Selbst-
zweck, sondern Ausdruck eines leidenschaft-
lichen Verlangens, den Urformen auf die Spur
zu kommen und ihrer Wesenheit teilhaft zu
werden. Dieses unruhige Ringen um den ver-
borgenen Sinn der Erscheinung, dieses boh-
rende Bemühen, sie aus ihrer begrenzten Ding-
haftigkeit zu erlösen und mit dem Weltganzen
zu verknüpfen, führt notwendig den romanti-
schen Künstler zur Selbstdarstellung des
Gefühls und läßt ihn die objektiven Ziel-
setzungen als für ihn unverbindlich ablehnen.
Daher die oft erschütternde Ausdrucksstärke
und Einzigartigkeit des romantischen
Kunstwerks, daher aber auch seine Maßlosig-
keit, sein auffallender Mangel an Traditions-
werten, die uns seine methodische Eingliede-
rung in eine fortlaufende Entwicklungskette,
seine Angleichung an ein allgemein gültiges
Gesellschaftsideal häufig so schwer, ja unmög-
lich macht. Das oft bezeugte Mißtrauen des
normalen Empfindens gegen sein Anderssein
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