Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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ALTAR-VORDER WAND.

»BEWEINUNG CHRISTI« (10)

GEISTIGE ZUVERSICHT.

Man verkündigt das Herannahen des „Ame-
rikanismus". Ein Wort, das eine Art Be-
leidigung des neuen Erdteils darstellt, denn es
bezeichnet den Verzicht auf das Ernstnehmen
von geistigen und künstlerischen Dingen. Der
Krieg und seine Folgen, das rasende, zähe
Ringen um Wirtschaftsieg und Niederkämpfung
der Gegner, die ungeheure Aufbäumung der
kältesten materialistischen Gesinnung — diese
Dinge werden angeführt, um zu beweisen, daß
es mit dem alten europäischen Idealismus zu
Ende geht. Bei Oswald Spengler findet sich
diese Perspektive breit und düster ausgemalt,
und viele Gemüter, schwer erschüttert durch
das Elend der letzten Jahre, schenken ihr Glau-
ben. Sie fragen sich, ob denn der Gedanke,
der Geist, die Kunst überhaupt noch selbstän-
dige Werte darstellen, ob nicht all dies, was
vordem lichte Krönung unsres Daseins war,
versklavt ist unter der schwieligen Faust des
gerissenen „Verdieners". Sie fragen sich weiter,
ob Europa sich je wieder von diesem grauen-
haften Absturz in die ideenlose, materialistische
Versumpfung erholen werde, ob nicht die apo-
kalyptischen Zeiten angebrochen sind, die uns
verkündigt sind, „wenn die Wagen ohne Pferde
laufen und die Menschen die Luft durchfliegen".

Gelassenheit! möchte man denen zurufen,
die von diesem Ausblick ins Finstre seelisch

gefesselt und gleichsam verzaubert sind. Wie
oft haben die Augen der traurigen Seher schon
die apokalyptischen Reiter zu sehen geglaubt I
Wie oft haben sie schon das Ende der edlen
und vornehmen Gesinnungen ausgerufen, Kunst
und Geist zu Grab getragen. Aber die Früh-
linge kamen immer wieder ins Land herein,
mit ihnen die sanften Regen, die brütenden Wol-
ken und das üppige Wachstum. Neben den
wilden Verdienern steht heute wie immer der
geistgläubige, den Höhen zustrebende Künstler
und Denker. Neben der kalt-höhnischen Fratze
des Skeptikers leuchtet das Lächeln des seelisch
erwärmten Weltfreundes. Neben tausend An-
zeichen der Erstarrung und geistigen Verwahr-
losung steht die sittliche Aufraffung vieler unsrer
Jünglinge, die Neubelebung des religiösen Gei-
stes, die unermüdliche Arbeit vieler redlicher
Diener der Schönheit und der Menschenvered-
lung. Stellen wir neben die Perspektive des
endgültigen geistigen Abstiegs die Perspektive
des Anstiegs, der um so höher und schöner
werden wird, je finsterer die Täler sind, die wir
durchschreiten. Kunst und Geist mögen in
ruhigen Zeiten als ein lieblicher Schmuck des
Daseins erscheinen. Aber in wilden, materia-
listisch verwüsteten Zeiten offenbaren sie ihre
wahre Bedeutung: Lebenswert und alle Men-
schenwürde liegen in ihnen beschlossen, w. h.
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