Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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Eduard Dollerschell-Elberfeld.

Die Farben werden im nächsten Jahr (1920)
wärmer. Blau und rot und frischere Zwischen-
töne, ja südlich heißes Licht erfüllt unruhiger
werdende Formen. Die ausgleichende künst-
lerische Kraft Doller schell's läßt diese rasend
bewegten Linien und Flächen nicht auseinander-
fallen; er bindet sie eben aufs glücklichste
durch größere Intensität der Farbe.

Die reine Landschaft und das reine Figuren-
bild einen sich jetzt oft zu großen Kompositionen,
religiöse Inhalte gewinnen Raum und — wieder
ein Schritt vorwärts — eine erneute Beruhigung,
die aber hinzugewann an innerer Beschwingt-
heit, an kräftig-heißerem Pulsschlag der Formen
und einer stillen Verfeinerung der im allge-
meinen nunmehr auch wieder gedämpfteren
Farbe, tritt ein (1921 und mehr noch 1922).

Das deutsche Meer, die bayrisch-österrei-
chische Alpenwelt, Italien und das Mittelmeer,
sie zeichnen ihr Erleben in der Seele des Künst-
lers durch die schaffende Hand in den Bildern
ab. Eine innige Naturverwandtschaft, die Natur
im Tiefsten begreift, zeichnet Dollerschell aus,
der ihre rhythmischen Gesänge in Linien und
bilderbauenden Kompositionen bannt und ihres
Leibes schöne Keuschheit und heimliche Farben-
pracht in fast traumhaft dunklen und doch so
zarten und farbigen Tönungen erstrahlen läßt.

So gibt uns Auskunft über des Künstlers
Seele nicht nur sein Selbstbildnis, sondern
ebenso die heiße Glut der drei-szenigen „Som-
mernächte", wie auch das Bild „Mein Zimmer"
(in Mittenwald) und all die herrlichen wind- und
sonnedurchhauchten Gemälde aus den Bergen
oder aus dem Lande deutscher Künstlersehn-
sucht, von denen „Das Meer bei Genua" den
Gestaltungswillen des Künstlers, sein eigenes
Schöpfungsprinzip am reinsten wiedergibt.

Von den figürlichen Kompositionen, die Dol-
lerschell bisher gezeigt hat, scheinen mir vor
allem zwei: „Erlösung" und „ZweiMenschen"

bedeutend zu sein, das eine als vollkommen
gelöster typischer Akt, das andere in seiner
großzügigen Einfachheit und der äußeren und
inneren Geschlossenheit den Begriff der Verbun-
denheit zweier Menschen schlechthin erfüllend.
« « «

Alle Bilder, vornehmlich auch die Komposi-
tionen und die Stilleben offenbaren den linien-
gewaltigen Zug, den Dollerschell als Graphi-
ker so meisterlich auszuwerten weiß. Doch
kann ich der von anderer Seite geäußerten An-
sicht, daß Dollerschell, der allerdings bei Stein
und Stift seine Lehrjahre verbrachte, haupt-
sächlich als Graphiker anzusprechen sei, nicht
durchaus beipflichten. Die starke Unterstützung
einer höchst eigenlebendigen Farbe, stellen-
weise die Bindung der Linienstruktur durch die,
wie schon erwähnt, übermächtige Kraft der
Palette, sprechen dagegen. Doch ist der Gra-
phiker in Dollerschell immerhin dem Maler
ebenbürtig. Eine herbe, ein wenig verschlossene
Art, die oberflächlichen Genuß erschreckt ab-
weisen möchte, ein Hauch der scheuen Bitte
um eindringlichere Beschäftigung mit den Blät-
tern liegt über ihnen. Dabei ist der metallische
Klang der oft bis auf letzte Einfachheit zurück-
geführten Linien im leise mitklingenden und
den Resonanzboden bildenden Plattenton den
Graphiker als seines Materials kundig erwei-
send, wie andererseits die Farbitjkeit der
Schwarz-Weiß-Blätter die Hand und das Herz
des Malers wiederum kundtut.

Eduard Dollerschell ist eine starke Hoffnung.
Reicht doch in ihm das Können, eine auf Er-
fahrungen beruhende Geläufigkeit der histori-
schen Entwicklung, einem starken Selbständig-
keitsdrang die Hände, der modernem Vergei-
stigungswillen, also hochwertigem Intellektua-
lismus, neuer innerlicher Romantik, maleri-
schem Nur-Gefühl und der guten Tradition
gleich nahe oder gleich entfernt ist. . . j. a. k.

ROLF WINTER UND HAROLD WINTER.

Rolf Winter, der Maler, besuchte von 1900
bis 1902 die Karlsruher Akademie, wo er
durch Schmidt-Reutte starke Anregungen
empfing, hat aber seine ganze weitere Entwick-
lung als Autodidakt gesucht und gefunden. An-
fangs zwischen Cronberg und München wech-
selnd, hat er besonders von der damals in
Schleißheim befindlichen Marees - Sammlung
nachhaltigste Eindrücke erhalten. In diesen
vier ersten Jahren seiner selbständigen Ent-
wicklung gelangte er bereits zu der klaren Er-
kenntnis, daß künstlerische Tätigkeit nur im

Gestalten aus der Vorstellung bestehen kann.
In der Folge zwischen Cronberg und der Schweiz
seine Zeit teilend, hat er sich, in Landschafts-
und landschaftlichen Figurenbildern, neben den
schon in der Münchener Zeit bearbeiteten räum-
lichen Gestaltungsfragen namentlich um die
farbige Lösung des Atmosphäreproblems ber
müht. Bei einem Besuch 1913 in Venedig er-
hielt er durch Tintoretto einen neuen großen
und entscheidenden Eindruck. Später haben
außer Grünewald besonders Rembrandt und
Greco wesentlichen Einfluß auf ihn gewonnen.

XXVI. Mai 1923. 3
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