Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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GEORG
SCHRIMPF.
»MUTTER
UND KIND«

EIN DEUTSCHER KUNSTKRITIKER DES 19. JAHRHUNDERTS.

ZU MERCKS, DES GOETHEFREUNDES, AUFSÄTZEN ÜBER DIE KUNST.

Das 18. Jahrhundert europäischer Kultur
wird immer als eine Blütezeit des mensch-
lichen Geistes zu gelten haben. Mit dem üb-
lichen Gerede von Rationalismus, Oberflächlich-
keit und dergleichen dringt man nicht entfernt
an das Wesen dieser Epoche heran. In jedem
Zeitalter gibt es die große Masse der bloß aus-
wertenden Geister, die die Kraft und Tugend
der Epoche in breiter, faßlicher Verfratzung
zum Vorschein bringen. Gewiß geht durch das
18. Jahrhundert ein breiter Strom behaglicher
oder frecher Vernünftelei. Aber nicht an derlei
modischen Verdünnungen ist das spezifische
Gewicht eines Zeitgeistes zu messen. Jene
humanitäre Vernünftelei. die schließlich zur
Plattheit der Aufklärung geführt hat, ist eben
nur ein Nebenprodukt oder vielmehr die flache
und flaue Auswalzung jener echten, großen
Geistesfreiheit, Menschlichkeit und souveränen

Klarheit, womit dieses Jahrhundert vor allen
andern geschmückt ist. Jedes echte Geistes-
denkmal dieser Zeit zeichnet sich durch die-
selben Züge aus: leichte, spielende Kühnheit
des Gedankens, gelassene Zornlosigkeit der
sittlichen Begriffe, weitherzige Duldung, an-
mutigste, humanste Form, lächelnde, silberne
Freiheit aller geistigen Horizonte. Sehr oft
mischt sich darunter jener liebenswürdige, ge-
fühlige Zug, jene betonte Wärme der Empfin-
dung, jene Zugänglichkeit für die weicheren,
liebenderen Regungen des Gemüts, womit sich
die Menschen dieser Zeit ein Gegengewicht zu
der Schärfe ihrer Verständigkeit geschaffen zu
haben scheinen.

Darmstadt, damals eine kleine und herzlich
unbedeutende Residenz, hat den Ruhm, dem
freien, schönen Geiste dieser Zeit in einigen
seiner besten Söhne eine hervorragende Ver-
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