Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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LANDHAUS DE VRIESS IN MARSBERG I.W.

Der Erbauer des Hauses de Vriess, Architekt
Prof. Heinrich Straumer, schrieb letzthin:
„Anders als beim Maler und Bildhauer, bei
denen das mit eigener Hand Geformte ihre un-
mittelbare Schöpfung ist, vollzieht sich bei dem
Architekten das Werden eines Werkes, das
wohl aus seiner Formkraft und seinem Willen,
aber erst durch vieler Hände Arbeit aus den
Baustoffen ersteht. Keiner der Ausübenden in
der bildenden Kunst ist auch so abhängig vom
Auftrag wie der Baukünstler .. Jede Auftrags-
Erteilung ist zunächst eine Willens-Äuße-
rung des Auftrag-Gebers, dessen Anschauung
in der Bemessung der aufzuwendenden Mittel
und der Aufstellung des Programms für das ge-
wollte Werk sich richtunggebend ausdrücken..

Soll aber ein Werk der Kunst aus der Ein-
gebung des, vom Bauherrn durch seine Willens-
Erklärung berufenen, Architekten hervorgehen,
so muß diese Willens-Äußerung bereits zugleich
von einem starken und sicheren Gefühl für die
gestaltende künstlerische Kraft bestimmt sein..

Anders gesagt: ein gutes Bauwerk kann der
Künstler nur dann hervorbiingen, wenn auch
der Bauherr an einem schöpferischen Ge-
stalten und dem Werden einer neuen Schönheit
Freude empfindet! Er muß mit vollem Ver-
ständnis dem schöpferischen Vorgang in der
Seele seines Architekten folgen können und
inneren Anteil nehmen an dem gedanklichen
Ausreifen des Werkes — das all' den Wider-
ständen und Schwierigkeiten der technischen
Durchführung zum Trotz ersteht. Bedingt schon
im Anfang die Wahl seines Architekten den
Erfolg oder Mißerfolg des Bauherrn, so ist auch
im künstlerischen Endergebnis Erfolg oder Miß-
erfolg in der letzten Auswirkung ihm selbst zu-
zuschreiben . . Der Bauherr, der mit solcher
Auffassung den Architekten beruft, wird von
diesem die volle Entfaltung seiner Kraft erwarten
dürfen, er wird auch vor dem vollendeten Werk
selbst das beseligende Gefühl schöpferischen
Gestaltens empfinden und am Erfolg als einem
wirklich eigenen teilnehmen können".

XXVI. April 1923. 5
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