Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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LUDWIG KOZMA ALS BUCHKÜNSTLER.

ie Buchdruckerei Isidor Kn e r
in Gyoma (Ungarn) — für
welche der Architekt Ludwig
Kozma auch schon früher als
Buchkünstler tätig war —
wurde im Jahre 1919 von
den rumänischen Besatzungs-
truppen geplündert und stand 1920 vor der
Notwendigkeit, ihre Einrichtung, besonders aber
ihren Bestand an typographischem Ziermaterial
vollständig und auf einmal zu erneuern. Man
kam zu dem Entschluß, ein eigenes Ziermate-
rial zu schaffen. Die Versuche wurden durch
Kozma, und den Verfasser dieser Zeilen einge-
leitet. Die Aufgabe war einerseits: die alte
ungarische Tradition, die noch in der Barock-
zeit so schöne Erzeugnisse der ungarischen
Volkskunst und des Kunstgewerbes hervor-
brachte, wieder zu beleben, sie mit modernem
Empfinden zu erfüllen, und etwas Originelles
zu schaffen. Der andere Teil der Aufgabe war:
das Ziermaterial völlig den Anforderungen der
Typographie anzupassen. Es mußten alle Er-
fahrungen des praktischen Buchdruckers zu
Rate gezogen werden, um die fortlaufend ge-
dachten Profile, Reihenornamente usw. beweg-
lich, anpassungsfähig, in Maßstab und Linien-
stärke der Druckschrift entsprechend zu gestal-
ten, die einzelnen Teilchen so abzugrenzen,
daß sie sich unauffällig und leicht zu Reihen

schließen lassen. Die größeren Schmuckstücke
sind nicht für bestimmte Werke, für einen im
voraus bestimmten Text geschaffen, sie bilden
vielmehr ein bewegliches Material. Es sind
Bausteine, die für den Buchdrucker nur Ele-
mente bilden, aus denen mit der Schrift die
typographische Komposition aufgebaut wird.
Auch bei diesen Stücken wurde die alte, leben-
dige ungarische Tradition zu Hilfe gerufen, aber
nur bei Bestimmung des Stils und der Technik.
— Maßstab, Linienstärke, Gefüge sind genau der
Druckschrift angepaßt, die Motive selbst sind
aber Schöpfungen der sprudelnden Phantasie
Kozma's — und die äußere Form, die inneren
Bewegungstendenzen der Schmuckstücke wur-
den nach eingehender Besprechung mit dem
Buchdrucker — der die Stücke in seine Kom-
positionen einzubauen hat — gewählt und im
voraus bestimmt. Ihre eigentliche Wirkung
zeigt sich erst, wenn sie im Text stehen, wenn
sie an richtiger Stelle eingefügt ihre konstruk-
tive, kompositioneile Funktion erfüllen. Kozma
hat sich in die typographischen Probleme mit
Liebe vertieft, und so fand er auch ihre Lösung.
Das Ergebnis ist ein Ziermaterial, das nun
einzig in der Buchdruckerkunst unserer Tage
dasteht, und künstlerische, nationale Eigenart,
modernes Empfinden, echten typographischen
Geist mit größter Beweglichkeit und Anpas-
sungsfähigkeit verbindet......emerich kner.

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