Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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Was ist »naturalistische Kunst«?

lebendige Dasein selbst. Und wir? Für uns
ist Shakespeare schon nicht mehr Naturalist,
sondern ein Künstler, der die Wirklichkeit
steigert und zum Ideellen hin erhöht.

Auf der andern Seite wird klar, daß der
„Stil" einer Zeit aufs engste zusammenhängt
mit dem Wirklichkeitsbegriff, der sich in ihr
unbewußt gebildet hatte. Manche Verehrer der
antiken Plastik haben sich daran gestoßen, daß
antike Anekdoten und Epigramme die täu-
schende Naturwahrheit der verschwundenen
Gemälde von Zeuxis und Apelles gerühmt
haben. Sie wußten sich nicht zu erklären, wie
die Griechen, die in ihrer Plastik durchwegs
„stilistische" Wege zu gehen schienen, für die
Malerei ein so rohes, banausisches Ideal wie
die absolute Naturtreue verherrlichen konnten.
In Wahrheit löst sich dieser Widerspruch sehr
einfach. Die Plastik wie die Malerei der Grie-
chen ging bewußt auf Naturtreue aus; nur war
ihre „NaturWirklichkeit" anders beschaffen als
diejenige Winkelmanns oder andrer idealisti-
scher Kunsttheoretiker. Malerei und Plastik
der Griechen waren beide ihrer Meinung nach
„naturalistisch". Was späteren Zeiten daran
als bewußter stilistischer Wille erschien, war
gerade das unbewußte Walten ihres Wirk-
lichkeitsbildes. Es ist ohne weiteres anzuneh-
men, daß auf jeder Stufe ungebrochener Kunst-
übung die Kunst auf treue Schilderung der
Natur ausging (daß auf gewissen Gebieten aus
kultischen oder gesellschaftlichen Gründen an
geheiligten Schicklichkeiten und konventionel-
len Formen festgehalten wurde, ist nur die
Ausnahme, die die Regel bestätigt). Alle Kunst
hat immer, besonders auch im christlichen Eu-

ropa, genau das an Naturtreue gegeben, was
für ihr Wirklichkeitsbild notwendig und be-
zeichnend war. Was man demgegenüber den
bestimmten Formwillen der verschiedenen
Epochen nennt, war nie bewußter, sondern
dunkler und allgemeiner Wille, mehr Zwang als
Willkür, mehr Gesetz als privater Entschluß.

Wie sehr der allgemeine Wirklichkeitsbegriff
einer Zeit alle einzelnen Künstler dieser Epoche
beherrscht, sieht man daran, daß sich für die
Betrachtung späterer Geschlechter alle die tief-
einschneidenden, olt polaren Gegensätze zwi-
schen Künstlern der gleichen Zeit fast völlig
aufzuheben pflegen; wenigstens insoweit, als
sie durchaus als Angehörige der gleichen Zeit
erkannt werden. Die ganze kunstgeschichtliche
Forschung beruht darauf, daß über die schärf-
sten Gegensätze innerhalb einer Epoche doch
das Gemeinsame der Stilmerkmale triumphiert.

Zugleich geht aus dem Gesagten hervor, welch
ein falscher, elender Begriff von „Stil" und
„Stilisieren" in den letzten Jahrzehnten sich
bei uns eingeschlichen hatte. Wir sahen, daß
beides nur dem Unbewußten angehören kann;
im 19. Jahrhundert aber, bis vor zehn Jahren
etwa, glaubte man, daß „Stil" durch redliches
Bemühen geschaffen werden könne und daß
„Stilisieren" eine bewußte und sehr leicht zu
erlernende Tätigkeit sei, eine absichtliche Um-
biegung, Versteifung, Erstarrung des „wirk-
lichen" Naturbildes. Aber derartige Prozeduren
können höchstens zu leeren Geschmacksleist-
ungen führen, die für einen Augenblick vielleicht
bestehen mögen, doch dann alsbald wie über-
lebte Modeprodukte in den Abgrund des Ver-
gessens versinken.........brich kramstal.
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