Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 52.1923

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Ausstellung der n Münchener Neuen Secession« Sommer 1923.

paula DEPPE f

gemälde »seestettenc

Wesenheiten unserer Welt den Künstler ver-
hängnisvoll lockten und zugleich peinigten. Das
Rätselhafte ihrer zufälligen und scheinbar doch
logischen Bezugsetzung hat sich ihm immer
mehr verdichtet und findet jetzt Gestalt in einem
erlösenden Bekennen. Eine Überzeugung von
der Phantastik des Daseins wird laut, die be-
klemmen könnte, wenn nicht ein geborener
Maler jedes Ding gemeistert hätte, wenn nicht
das heimliche Leben überall Sprache gewänne,
wenn nicht der sichere Raum über allem wäre.
Da die Logik der natürlichen Zusammenhänge
in Zweifel gezogen ist, offenbart sich der Kern
der Einzelheit, seine Wandelbarkeit und sein
berückender Glanz. Kaum je sind Pflanzen so
gemalt worden, kaum je hat man so die Lebens-
säfte gespürt, die in ihnen quellen, die Zartheit
der fortzeugenden Kraft, die sie entsenden.
Mit dem Mißtrauen in die Beständigkeit, mit
dem Gefühl für die drohende Weite der Welt
hängt es zusammen, wenn die Landschaften
Lauterburg's von einer Melancholie ohneglei-
chen sind — wenn der einsame Wagen hilflos
dem zwingenden Lichtglanz einer ersten Laterne
zustrebt, die vielleicht Aufatmen und wohn-
liche Nähe bedeuten könnte.............

Als Ganzes betrachtet ist seine Kunst noch
weit dinglicher, als die der Mense und Schrimpf,
und eben dadurch ist sie produktiv und ein
Kind des heutigen Tages.

Für laute, plakatmäßige Gesten ist im Ex-
pressionismus der Münchener Schule kein Platz.
Man zieht eine stille Konsequenz des allge-
meinen Programms, indem man sich an den Aus-
druckswert der einzelnen, sinnlichen Erschei-
nung erinnert. Das ist dinglicher Expressionis-
mus. Die junge Generation hat das offenbare
Bewußtsein vom Recht ihres eigenen Erlebens
und das deutliche Gefühl für den Wert der
Tradition. Unter dieser darf freilich nicht
Technik und Form verstanden werden, sondern
ein Geistiges: die Wohltat einer befreienden,
anschaulichen Idee und das lebendige Vorbild
reifer Leistung.......... rüdolf Römstedt.

£

Das menschliche Herz in der Not seiner Sehn-
sucht und in dem dennoch unzerbrech-
lichen Glauben an Vollendung gewinnt sinnlich
greifbaren Ausdruck nur in der Form des Kunst-
werkes. Auf der Fläche eines Gemäldes, im
Abriß eines Verses, in einer Folge von Akkorden
ist innerlichstes Empfinden mitgeteilt, h.d. fr.
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