Rüttgerodt-Riechmann, Ilse [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 5,1): Landkreis Göttingen: Stadt Göttingen — Braunschweig, 1982

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DIE ÖSTLICHEN STADTGEBIETE

Das östliche Stadtgebiet zieht sich zwischen
Nikolausberger Weg und Geismar Land-
straße vom Wall die Hänge zu den östlichen,
bewaldeten Kalkbergen hinauf, die Straßen
besitzen daher z. T. beträchtliche Steigung.
Auf der Kurhannoverschen Landesauf-
nahme von 1784 finden wir in diesem
Bereich alte Wege mit unterschiedlichen
Funktionen vor: Die Verbindung zu den
Nachbardörfern stellten her: die Bühlstraße
- über Humboldtallee usw. - nach Weende,
der Düstere Eichen Weg - über Nikolausber-
ger Weg - nach Nikolausberg, der Friedlän-
der Weg - über Geismar Landstraße - nach
Geismar und die Herzberger Landstraße
nach Roringen; der Hainholzweg führte zur
Hainholzwarte bzw. dem Hainholzhof, der
sich hier entwickelt hatte; der Rohns-, Kie-
per- und Schildweg, die Lohbergstraße und
der untere Abschnitt der Wilhelm-Weber-
Straße erschlossen Gärten, Felder und die
Schäferei am Hainberg.
Die wichtigsten Wege gingen nur bedingt
vom Albanitor aus, denn die Ostseite der
Stadt bestückten die meisten Vorwerke:
Südlich der „Kalte Herberge Schanze”
(Botanischer Garten) lagen die „Feuer-
schanze” (Gelände des Theaters und Gym-
nasiums), das „Albaner Ravelin” vor dem
eigentlichen Tor(es reichte bis an den Fried-
länder Weg) und die „Bleicher Schanze”
(Albanifriedhof, vgl. Die Entfestigung der
Stadt); die Wege mußten diese Befestigun-
gen umlaufen. Es gab hier nur einen nach
Norden versetzten Ausgang aus der Stadt
an der Bühlstraße/Herzberger Landstraße.
Diese historische Situation erklären die bei-
den „Verteilerkreuzungen” am Friedländer
Weg/Herzberger Landstraße/Düstere
Eichen Weg bzw. am Friedländer Weg/Hain-
holzweg/Kleperweg/Lohbergstraße, die
Führung der Bühlstraße und des Schildwe-
ges. Daher kommt auch die merkwürdige
Nordverschiebung der Herzberger Land-
straße, die man zu Anfang des 19. Jh. unter
Verzicht einer gradlinigen Führung auf das
Tor als letzte der Chausseen ausbaute (vgl.
die du Plat’schen Planungen Reinhäuser,
Groner und Weender Landstraße); der späte
Ausbau spricht für eine gewisse Vernachläs-
sigung der Verbindung zu den ehemaligen
Stadtdörfern und weiter zum Harz, denn die
alte Straße war abschnittsweise schon
geraume Zeit unpassierbar; der heutige
direkte Durchgang zur Innenstadt ergab sich
erst mit dem Durchbruch der Friedrichstraße
1897/98.
BAUTEN BIS 1860
Der Plan von 1784 verzeichnet an den stadt-
nahen Abschnitten der oben erwähnten
Straßen Gartengelände mit einer Anzahl
Häuschen, die vermutlich zeitweilig oder
auch dauerhaft bewohnt wurden. Wir dürfen
uns diese kleinen Behausungen ähnlich
jener an der Reinhäuser Landstraße 32 oder
am Brauweg 34 vorstellen (vgl. Die südli-
chen Stadtgebiete): In diesem Bereich
haben sich nur einige Gartenhäuser aus
dem 19. Jh. erhalten, z. B. Friedländer Weg 2,

Düstere Eichen Weg 3 und 7, Rohnsweg 18
und Schildgasse 1.
Dagegen steht in einem ehemals großen
Garten am Friedländer Weg (heute Nr. 4a)
ein um 1770/80 von Gottfried Jordan errich-
teter einstöckiger Pavillon: Es ist ein zierli-
ches Fachwerkhäuschen auf fast quadrati-
schem, niedrigem Natursteinfundament mit
Mansardwalmdach und Zierknauf an der
Spitze, mit hohen, leicht segmentbogigen
Fenstern nach drei Seiten, die auf der Ost-
seite die zweiflügelige Rokoko-Tür flankie-
ren. Diese „Fassade” zeichnet ein auf dem
Traufgesims fußender geschwungener
Knickgiebel mit karniesbogigem Abschluß
aus; in dem Ovalfenster des Feldes finden
sich die Initialen des Bauherrn. Diesen Pavil-
lon - in seiner Funktion vergleichbar etwa
den beiden anderen erhaltenen (Papendiek
16, erbaut ca. 1775, der Familie C. G. Heyne
gehörend; jener, auf die Schillerwiese trans-
lozierte, von 1806) - kann man sich gut für
bürgerliche Geselligkeit oder als Refugium
für stille Stunden vorstellen; zum Wohnen
reichte der Raum kaum aus.
1775 eröffnete der Gastwirt Wacker gegenü-
ber dem ehemaligen Albanitor den „Stadt-

park”, ein aus mehreren Gebäuden beste-
hendes, heute verschwundenes Anwesen,
das sich etwa über den südlichen Teil der
heutigen Stadthalle erstreckte (erbaut1963/
64, Architekt: R. Schell, Relief „Die Stadt”
von J. Weber). Westlich davon, südlich des
Tores baute 1821 Rohns das Badehaus, des-
sen Kopie heute am alten Platz steht. Das
Original wurde 1972/73 abgerissen, schon
vorher hatte man das angebaute Wohnhaus
von Rohns abgetragen. Es ist ein zwölfecki-
ger, verputzter Massivbau mit Drempel und
flachem Zeltdach. Konsequent als Zentral-
bau angeblich in Anlehnung an den Athener
„Turm der Winde” angelegt, ist das Gebäude
rundum gleich gestaltet (beim Original stand
allerdings im Nordwesten der Flügel mit der
Wohnung) mit einem vortretenden Natur-
steinsockel, einem Sockelgeschoß mit Qua-
derputz, einem „piano nobile” mit klassizisti-
schem Fries an der Brüstungszone und mit
einem friesartig gestaltetem Drempel mit
Balusterreihen vor den niedrigen Fenstern.
Die Öffnungen der beiden Vollgeschosse sit-
zen ungerahmt in der Mitte der Seiten. Im
Fries wiederholt sich das Motiv aus Eckpal-
mette und einem mittigen Schwan zwischen

Plan der Stadt Göttingen, 1886/87, Maßstab des Originals 1 : 5000


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