Rüttgerodt-Riechmann, Ilse [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 5,1): Landkreis Göttingen: Stadt Göttingen — Braunschweig, 1982

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Bis etwa 1784 erweiterte sich das Dorf um
einige Hofstellen auf die Größe des heutigen
Dorfkerns.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg, als die
Einwohnerzahl, die von 1896 bis 1939 bei 260
lag, auf knapp 500 anwuchs, erschloß man
neue Baugebiete für Ein- und Mehrfamilien-
häuser im Westen und Osten des Dorfes. Im
Ortskern hat sich im Gegensatz dazu die
dörfliche Struktur mit einem Teil bewirt-
schafteter Höfe erhalten. Die Bebauung
besteht aus vorwiegend zweistöckigen,
trauf- und giebelständig ausgerichteten
Fachwerkwohnhäusern unter Satteldach,
die - bis auf das in Teilen aus dem späteren
18. Jh. stammende Haus Zum Strull 5 - im
Laufe des 19. Jh. errichtet, aber leider fast
alle in den letzten Jahren stark verändert
wurden. Dazu gehören meist jüngere, teil-
weise massiv ausgeführte Nebengebäude.
An der Westseite oberhalb der Hauptstraße
Über der Esebeeke finden wir noch eine
Reihe traufständiger, aneinandergebauter
Wohn- bzw. Wohnwirtschaftsgebäude (Nr.
5, Wohnwirtschaftsgebäude von ca. 1850
und Nr. 7, Wohngebäude aus der 1. Hälfte
des 19. Jh.) mit rückwärtigen Nebengebäu¬

den, die mit ihren geschlossenen Fachwerk-
fronten, den weniger augenfälligen Ver-
änderungen und den Gärten noch etwas
von dem ehemaligen Charakter des Dorfes
zeigen. Der Bauernhof auf der gegenüberlie-
genden Straßenseite, Über der Esebeeke 14,
mit giebelständig ausgerichtetem Wohn-
und Wirtschaftsgebäude und einem die Hof-
fläche östlich abschließenden weiteren
Nebengebäude repräsentiert eine Anlage
des späten 19. Jh. Vor allem prägen dietrauf-
ständige Seiten- und die Rückfront, beide
nahezu intakt, mit geländeangepaßtem,
mächtigem Sandsteinquadersockel, Fach-
werk und Pfannenbehang den Weg hinab
zum ehemaligen Kirchhof mit der Pankra-
tiuskirche und alter Bruchsteinmauer-Ein-
friedigung. Diesem Bereich lehnen sich auf
der Südostecke die kleine Fachwerkdorf-
schule von ca. 1896 (heute Kindergarten),
An derlnsel 5, und das bäuerliche Wohnhaus
aus dem 3. Viertel des19. Jh., An derlnsel 6-
Rest einer ehemaligen Kirchhöfnerbe-
bauung? -, an.
Die Pankratiuskirche ist ein um 1760 nach
Plänen von Baukommissar Müller aus Kalk-
bruchsteinmauern mit Sandsteingliederung


Esebeck, An der Insel 5, 6

Esebeck, Über der Esebeeke 5, 7


Esebeck, Über der Esebeeke 14, spätes 19. Jh.


errichteter Saal unter Walmdach mit im
Süden angebauter „Konche” aus dem spä-
ten 19. Jh. Dem Stil einer spätbarocken Dorf-
kirche entsprechend beschränkt sich die
Gliederung auf die Betonung des Sockels,
des profilierten Kranzgesimses, der Ortqua-
dern, der segmentbogigen Fenstereinfas-
sungen und auf die Hervorhebung der Türen.
In seine Westseite integriert steht der von
der Vorgängerkirche überkommene Turm
mit rechteckigem Grundriß, zahlreichen Ver-
änderungen und späterem Aufsatz, der
angeblich aus dem 15. Jh. stammen soll.
GÖTTINGEN-GEISMAR

Ca. 2,5 km südlich der Innenstadt Göttin-
gens liegt Geismar an der (Geismar) Land-
straße, die als Abschnitt zu der mindestens
seit dem Mittelalter benutzten Haupt-Nord-
Süd-Verbindung auf der Ostseite des Leine-
grabens gehört. 1055 das erste Mal erwähnt
ist Geismar sicherlich viel älter; vermutlich
vor der Christianisierung siedelten westlich
der Landstraße die ersten Bewohner. Als
vom Bischofssitz Mainz aus im 8. Jh. die
Missionierung des sächsischen Leinegaus
begann, gründete man hier eine der ersten
Gemeinden in diesem Bereich und die Mar-
tinskirche. In der Folge entwickelte sich
daraus die sedes Geismar, zu der ein großer
Teil der Kirchen im Stadtgebiet gehörte (vgl.
Geschichtlicher Überblick). Daraus resul-
tierte auch die Herrschaft der Mainzer
Bischöfe in Geismar und ihr vergleichsweise
großer Besitz. 1366 verpfändete Gerlach von
Mainz das Dorfan die von Hardenberg; diese
wiederum mußten Geismar im 15./16. Jh. für
etwa einhundert Jahre der Stadt Göttingen
als Pfand lassen. Danach blieb das Dorf bei
den von Hardenberg, die 1632-1839 Recht-
sprechung ausübten und auch das Kirchen-
Patronat erlangten.
Der Kern von Geismar liegt etwa in der Mitte
eines Osthangs, der sich vom Kerstlingerö-
der Feld (388 m ü. NN) zunächst steiler zur
Hauptstraße (190 m ü. NN) und dann allmäh-
licher in das Leinetal (155 m ü. NN) absenkt.
Die Hauptstraße verläuft etwa hangparallel.
Der Dorfkern entwickelte sich an bzw. auf
einer Keuperinsel, aus der zwei Spaltquellen
(am nördlichen Abschnitt Bäckergasse und
etwa an derSüdgrenze des Grundstücks Am
Geismar Thie 2) austraten; eine der Quellen
speist heute die ehemalige Pferdetränke an
der Straße Im Kolke. Die heute verschwun-
denen Bäche vereinigten sich mit zwei nörd-
lich (neben der Kiesseestraße) bzw. südlich
(auf der Straße Im Kolke) vom Hang her-
abströmenden Gewässern, die etwa beim
Gänseplan zusammenflossen. Diese topo-
graphische Situation bedingte den sied-
lungsgünstigen Wasserreichtum und die
beträchtlichen Höhenunterschiede in der
Dorflage; letztere nehmen allerdings um die
Straße Auf dem Paul nach Westen zu ab.
Die ältesten Höfe gründete man an den bei-
den Straßen Im Kolke und Mitteldorfstraße,
die durch mehrere kurze Wegstücke verbun-
den sind. Das Kirchgrundstück mit dem süd-
lich anschließenden Thieplatz, auf dem seit
1904 die Schule steht, liegt zwischen diesen

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