Rüttgerodt-Riechmann, Ilse [Editor]
Denkmaltopographie Bundesrepublik Deutschland: Baudenkmale in Niedersachsen (Band 5,1): Landkreis Göttingen: Stadt Göttingen — Braunschweig, 1982

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DIE SÜDLICHEN STADTGEBIETE

Den südlichen Bereich der Stadt begrenzen
der Wall im Norden, der Rosdorfer Weg im
Westen und die Geismar Landstraße im
Osten; im Süden stößt an ihn die Feldmark
des Dorfes Geismar, die etwas südlich von
Memelner Weg / Stettiner Straße beginnt.
Landschaftlich gliedert sich das Gebiet in
die Leineniederung im Westen (alte Leine
und Leinekanal), die als Wiesen genutzt
wurde, und in das nach Osten ansteigende
Areal bis zur Geismar Landstraße, ehemals
mit Ackerbestellung. Gärten fanden sich im
Karree südlich der Bürgerstraße und west-
lich der Reinhäuser Landstraße, durch das
die alten Wege nach derStege- und der Wal-
kemühle (s. u.) liefen. Die anderen alten
Wege sind: der vom Rosdorfer Weg nach
Süden abzweigende Brauweg, Bürgerstraße
und Reinhäuser Landstraße, beide im 4. Vier-
tel des 18. Jh. ausgebaut bzw. angelegt, und
die Geismar Landstraße nach Geismar. Bis
auf den Brauweg beginnen diese Straßen
am südlichen Stadttor.
Die Anlage der anderen Straßen hängt mit
der städtischen Planung zusammen, die mit

Kiesseestraße 137, Stegemühle, 1807


Brauweg 34, „Lichtenbergsches Gartenhaus”,
ca. 1775


Bürgerstraße 17, ca. 1885


der Verkoppelung der Feldmark im letzten
Viertel des 19. Jh. einsetzte und im südlichen
Teil erst nach dem Zweiten Weltkrieg been-
det wurde.
Die ältesten Niederlassungen in der südli-
chen Göttinger Feldmark sind die beiden
erhaltenen Mühlen (s. u. Brauweg und Kies-
seestraße). Die Erstbebauung erfolgte im
18. und 19. Jh. durch einige Gaststätten
(„Abgunst” seit 1738 an der Geismar Land-
straße 21; „Landwehrschenke” seit Anfang
des 19. Jh. an der Reinhäuser Landstraße;
„Deutscher Garten” seit 1806 an der Rein-
häuser Landstraße 22) und durch zwei wich-
tige öffentliche Gebäude (Sternwarte und
Kaserne); gleichzeitig gab es in den stadtna-
hen Gärten Gartenhäuser, die ab der Mitte
des 19. Jh. durch Villen und später durch
Mietwohnhäuser verdrängt wurden.
Im späten 19. Jh. und im 20. Jh. kristallisier-
ten sich - ähnlich wie im Norden und im
Westen - unterschiedliche Nutzungszen-
tren heraus: Südlich des Rosdorfer Weges
liegt am Brauweg zwischen Leine und Leine-
kanal ein Bereich mit Gewerbe, Industrie

Brauweg 81, Walkemühle, spätes 18. Jh.


Bürgerstraße 32 a, ca. 1905


(hier seit 1889 die Brauerei) und Wohnen
meist für bescheidenere Bevölkerungs-
schichten; zwischen Leinekanal und Lotze-
straße finden sich außer Wohnhäusern und
Schulen Universitätsbauten der naturwis-
senschaftlich-mathematischen Fakultät
und Institute der Max-Planck-Gesellschaft;
zwischen Lotzestraße und Geismar Land-
straße herrscht Mietwohnungsbau vor, der
im Areal westlich und östlich der Geismar
Landstraße mit heute z. T. verschwundenen
Militärgebäuden durchsetzt war, die im
Anschluß an die Kaserne am Geismar Tor
entstanden.
ZWISCHEN LEINE UND LEINEKANAL:
Brauweg / Bürgerstraße / Marienstraße /
Wiesenstraße
Die Walkemühle (Brauweg 81) liegt am
Westufer des Leinekanals nördlich der
Abzweigung von der Leine und war
ursprünglich vom GronerTor überden Brau-
weg und vom Geismar Tor über den alten
Walkemühlenweg erreichbar. Zunächst
dem Kloster Bursfelde zinspflichtig wurde
sie 1357 von der Göttinger Wollenweber-
gilde angekauft und als Walkemühle
genutzt. Das Mühlengebäude, heute Wohn-
haus, ist ein Fachwerkbau mit neuerer Holz-
schalung und z. T. erneuerter, massiver
Bruchsteinmauer auf der Wasserseite und
dürfte aus dem späten 18. Jh. stammen.
Wasserrad und Stauwehr aus Holz sind vor-
handen, der Steg dagegen ist später in
Beton ausgeführt. Wie wohl allgemein in
Göttingen üblich, handelt es sich um eine
unterschlägige Anlage.
Da das Gelände überschwemmungsgefähr-
det ist, finden sich in der Nähe nur Kleingär-
ten und südlich der Mühle das städtische
Schwimmbad und Sportanlagen.
Bereits in der Gemarkung des Dorfes Geis-
mar steht weiter oberhalb auf dem Ostufer
der Leine die Stegemühle (Kiessee-
straße 137), die vom Geismar Tor über den
alten Verlauf des Stegemühlenweges
erreichbar war. 1413 das erste Mal erwähnt,
gelangte sie nach mehrmaligem Wechsel
1531 in den Besitz der Wollenwebergilde.
Die Anlage, 1807 neu aufgebaut, bestand
aus zwei Mühlengebäuden mit jeweils zwei
Werken und Rädern, enthielt eine Mahl- und
ein Ölmühle und war mit einer Gastwirt-
schaftverbunden. Heute steht noch auf dem
Ostufer ein zweistöckiger Fachwerkbau auf
winkelförmigem Grundriß mit Wohn-/Gast-
stättenflügel und flußparallelem Mühlenflü-
gel, der z. T. massiv ausgeführt ist (Sand-
steinquadern). Eine Turbinenanlage zur
Stromerzeugung ersetzt z. Z. die Mühlräder.
Das gegenüberliegende Gebäude, das auf
einer „Insel” zwischen einem Altarm der
Leine und dem Mühlenkanal lag, verdräng-
ten im 20. Jh. neue Betriebsbauten.
Der Mühle benachbarte Einrichtungen die-
nen der Hochwasserregulierung; außerdem
findet sich hier das 1892 begonnene städ-
tische Wasserwerk
Diese beiden weit außerhalb liegenden Müh-
len haben mit der eigentlichen Aufsiedlung
des Bereichs nichts zu tun. Als die neuen
Bauherren ab der Mitte des 19. Jh. Bauplätze

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