Fliegende Blätter — 26.1857 (Nr. 601-626)

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Die Heimfahrt vun

sicht, daß de beiden Paffaschicrer lachen, werd er ahf einmal
! ganz ßornig un nimmt Schwerinern und Herschbergern bei de
Kragens un schittelt se ab, als ob se wären ßwei Aeppelbcimchcr.
Nun sehn se freilich, daß es nich is Spaß, sondern grausamer
Ernst un dariber senn se erschreckt, wer weiß wie sehr. Endlich
lege» se sich ahf's Handeln, aber da werd der Postmahster wieder
so brauges ') daß se ßahlen ohne Widerred', aber mit viele Seif-
ßers, sonst hätte es doch noch gegeben Makkes.2)

De Hauptfach is aber nu gewesen, daß es hat gegeben
kahne Plätz mehr ahf der Post, als wie Nommer 8 un 9 vorne
im Hauptschlitten un wie sich dahinein setzten wollen der Schwer-
iner un Herschberg, sagt der Herr Kondiktör: ,,Onter vier Thaler
kann ich Se nich mitnchmen, denn so viel kostet's von hier bis
nach Woldenbcrg."

Das is nu aach wieder gewesen ä scrchtcrlicher Schreck
fer die Beiden un se wollen dorchaus nich ßahlen; aber da sagt
der Kondiktör: „Wenn Se nich wollen ßahlen, so bleiben Se

hier un leben Se gesund!" Un dabei gibt er aach demPostill-
oner das Szcichen ßum Fortfahren. Da kriegen aber die Beiden
de Angst, daß ßu Hause vielleicht das ganze Nachlaßgeschästche
; kennte gehn verloren un se schrei»: „Gestrenger Herr Kondiktör!
i Halten Se ahf! Mer werden bcßahlen, mer fahren mit!"

So haben se richtige vier Tholcr noch missen geben fer
die leeren ßwei Plätze, aber wie se haben gesessen itzt drein, so
haben Se gcschricn, daß cs wäre doch Charpe un Busche")
ßahlen ßu missen, wo schon wäre beßahlt geworden gewesen. De
andre Passaschicrer, was aach Alles senn gewesen jüdischeLands-
leit aus das Pausensche, haben Alle genickt mit de Köppc un
gegeben Recht dem Herschberg un dem Schweriner. Jeder hat
se getröstet nach Lcibeskräftigkeit, aber was thu ich mit der Noch-
ome4), wenn ich schon Hab missen bcßahlen mein baares, schweres,
koscheres'') Geld!

Nachmittags kimmen sc an in Woldenbcrg un wenn se
aach haben kaum noch rihren gekonnt de Bahner, de Händ un
sonst ä Glied, so senn se doch gewesen froh un glicklich, nich
mehr ßu sitzen ßu brauchen in den Postschlittcn. Denn Hersch-
berg un Schweriner haben gehabcn immer Forcht, wen» der
große Schlitten hat gewackelt ein Mal ahs de ahne oder de
andre Seit, daß er möcht fallen um, un ass doch dann gleich
wieder wirden senn gekimmen de Postilloncr un hätten gcschrien:
Halt' se ahf! Der Herschberg is es gewesen und der Schweriner
is cs gewesen, wo sich haben wieder gewollt prigcln warm un
itzt sollen se ersetzen de ganze Schadhaftigkeit. Heißt mer das
nich ahne Angst ßum Verßweifeln? Dorum is aach Niemand
so vergnigt gewesen, wie se senn aus dem Postschlitte» gestiegen,
als wie der Herschberg un der Schweriner.

Itzt gehen se nu gleich ahf den Bahnhof un in de Ristera-
ßion. Aber sc haben dort nir gcachclt 6) und aach nix geschass-

') brauges, zornig.

I Makkes, Prügel.

3) Charpe un Busche, Schimpf und Schande.

4) Nochomc, Trost.

5) koscheres, gut, rein.

6) acheln, essen.

de Franksorter Meß.

kcnet *) denn in de BahnhofsristeraßionerS is Alles so sehre jaukcr*)
aber das Beste is, daß mer sich kann dort wärmen fer umsonst.
Da haben nu gesessen der Herschberg un der Schweriner beim
Ofen wie ä Paar Ferschtcn un haben nur verßehrt de schainc
Wärme, was kost't gar nir.

Wie se sich haben gewärmt genug, geht der Herschberg
»aus und kahft ßwei Billetter nach Miatsetzkow dritte Klaß.
Denn worim soll Ahner fahren in de ßweite Klaß oder gar in
de erschtc, wo doch kimmt de dritte aach hin grad so rasch wie
alle andern? Hob ich nich Recht?

Wie se haben de Eisenbahnbilletter, so setzen se sich in de
Wagens, ass es hat nämlich fetten fortgehn in ßehn Minuten.

Sprecht itzt der Herschberg ßum Schweriner:

„Mer wollen ßusammen rechnen was ich soll haben ßu
kriegen von Dir."

„Ja," sagt Schweriner, „ass mer wollen rechnen aach
was Du bist scholdig an mir."

„Szuerst Hab ich beßahlt ser de Post von Franksort nach
Woldenbcrg ßwei Plätz in Frankfort fer sechs Tholer," sagt
Herschberg.

„Wie heißt sechs Tholer," schreit Schweriner. „Hab ich
doch beßahlt de Plätz in Frankfort."

„Ass ich Dir sag bei mei Sechste") ich Hab bereimt4)
in Frankfort baare sechs Tholer," schreit Herschberg ganz bös.

„Hob ich nich hier noch das Zeitlich von de Post, wo steht
drahf ßu lesen, daß ich Hab gelöst die Plätze," sprecht Schweriner
UN holt aach gleich hervor den Postschein, wo is ßu lesen: Szwci
Plätz, Nummer 39 un 40 beßahlt von Herrn Schwerinern
mit sechs Thaler von Frankfort bis Woldenbcrg.

„Kann ich Dir doch ßeigcn grad so ä Zeitlich," schreit
Herschberg un holt aus seine Bricftasch aach ahnen Postschein,
wo is ßu lesen: Szwei Plätz Nummer 8 un 9 beßahlt von

Herr Hcrschbcrgen mit sechs Thaler von Frankfort bis Woldenbcrg.

Wie Schweriner den Postschein vom Herschberg sieht, schlagt
er die Händ über seinen Kopf ßusammen un schreit:

„Herschberg! Sollen doch noch vergehn tausend Jahre
bis wieder ä Mensch is so'n Chamor") wie Du! Wenn hast
De gekahst Deinen Postschein in Frankfort?"

„Nu, wenn soll ich'» haben gekahst, vorgestern früh Hab
ich'» gekahst," sagt Herschberg.

„Soll mer Gott helfen, warum hast De mer nich gesagt,
daß De hast gekahst de Plätz," schreit Schweriner, „dann hätt
ich doch nich gekahst gestern Nachmittag aach noch ßwei derßu.
Un warum hast De nir gesagt heint früh, wo mer doch haben
gesehen, daß im Hauptschlitten ahf Nummer 8 un 9 sitzt gar
Niemand. Itzt haben mehr missen bcßahlen bei Mahner Seel
unsre eignen Plätz unterwegs noch ein Mal mit baare vier Thalers.
Bin ich nich ä geschlagner Mann, daß ich nich Hab lieber ge-
machen das Geschäftche ganz alleine. Aber itzt is es aach jo-

') schasskcnen, trtnfcn.

2) jaukcr, thcuer.

3) Sechste, Seligkeit.

4) bcreimt, bezahlt.
s) Chamvr, Esel.
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