Fliegende Blätter — 26.1857 (Nr. 601-626)

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Der Wechselthaler.

sie die Salons und Thccgcscllschaften ihren jünger», vornehmer»
Stiefgeschwistern, den Klopfgeistern, zu überlassen gezwungen sind.

„Die alte Rcginc ist auch heimgegangen," bemerkte der
eben eintretcndc Gottfried, indem er sich in eine Ecke drückte,
„cs ist ihr wohl zu gönnen; so lange mir denkt, ist sie nimmer
; bei Verstände gewesen, und das ist doch das Traurigste, was
einem Menschen begegnen kann."

„35 Jahre ist es jetzt," fiel derZeugmachcr ein; „ich
weiß, ich bi» selbiges Jahr gerade aus der Schule gekommen,
als mein Vater des Bcckcnfranze», ihres Mannes, Hans vollends
gekauft hat; die andere Hälfte haben wir vorher schon gehabt.
Der Franz und die Regine schrieen über Unrecht und Gewalt
und schimpften, was sic wußten, über die Herren auf dem Rath-
haus, welche das Haus im Zwangswege versteigern mußten.
Darüber kam's zu Klagen und beide wurden 14 Tage ein-
gcspcrrt. Als sie wieder herauskamen, war es schon nimmer
richtig mit ihr, und als ungefähr ein Jahr nachher der Franz
todt aus dem Wasser gezogen wurde, schnappte sic vollends
ganz über."

„Es soll," meinte Gottfried, „aber auch damals aus dem
Rathhaus nicht ganz sauber gewesen sein; der alte Faßführer
ist gerade auch so um sein Vermögen gekommen."

„Ach was!" nahm nun der Thorwart das Wort, „der
Faßführer und der Beckcnfranz! Wie bringt ihr die zusammen?
Dem hat's gehört, ich meine den Franz, dem hat's nicht anders
l gehen können! Wenn dein Vater noch am Lebe» wäre, Gott-
i fried, oder der dcinigc, Zeugmachcr, die wüßten besser, warum
j der Franz das kalte Bad genommen, und waö die Rcginc aus
dem Kopshäuschen gebracht hat. Aber am Besten ist's, man
‘ schweigt davon."

Wenn der Thorwart allemal mit dieser Phrase schloß, so
war dies blos eine Aufforderung an seine Zuhörer, ihn um
weitere Mittheilung zu bitten, und so fuhr er denn auch dies-
mal, nachdem er, wie er in wichtigen Fällen stets zu thun pflegte,
erst seine Pfeife bei Seite gelegt hatte, also fort:

„Der Franz und die Reginc hätten ihr gutes Auskommen
gehabt; er hat ein schönes Vermögen von Hohenau hcrcingcbracht,
und sic war eine einzige Tochter. Ha, was war das für ein
Hochzeitlcbe»! Halb Hohenau war hier, und an die drei Tage
dauerte der Tanz und der Jubel. Nun, das hätte nichts gc-
than, hätte» sie nur nachher gehaust und gespart; aber die lebten
j wie die Vögel im Hanfsamen. Er ist beinahe nimmer nüchtern
geworden, und bei ihr wurde der Kaffechafen nimmer kalt;
die Tasche hatte sie immer voll Zuckcrbrod und Mackaroni. Das
Handwerk wurde vernachlässigt, die Kundschaft verlor sich, und
so ging's rasch den Krebsgang mit ihnen. Anstatt nun zur
Einsicht zu kommen, suchten sie Geld aufzutreiben auf Wegen,

- davor jedem Christcnmenschen grauet. In Hohenau war dazumal
ein zerlumpter Nagclschmied — du, Leonhard, könntest ihn noch
gekannt haben — das war ein Kerl, dem jeder ehrliche Mensch
aus zehn Schritte aus dem Wege ging. In einem Winter
nun, ich glaube, cö war anno 12 — ja, ja, wo's so bald,
eingefroren ist — da verging keine Woche, da ich den Nagcl-
schmicd nicht einigemal aus- oder cinlassen mußte, oft schon

bald Abends, oft erst um Mitternacht, manchmal erst gegen
Morgen. Daß der nichts Gutes in der Stadt zu schaffen hatte,
konnte ich mir einbilden, und wärs auf mich angekommen, es
hätte sich kein Riegel bewegt; aber er zahlte seinen Kreuzer,
und zudem, mit solchen Leuten bindet Niemand gern an. An
einem Abend nun, cs war am Andreasfeicrtagc, sitzen wir hier
beisammen, ich, dein Vater, Gottfried, der Jaich, der alte Wagner
und noch einige Andere. Kommt auf einmal der Zeugmacher
daher und sagt, wer Courage habe, solle mit ihm kommen;
in seinem Hause gehe cs nicht mit rechten Dingen zu. Schon
lange schleiche allnächtlich der Hohenauer Nagclschmied zu Becken- !
franzens, und heute Nacht müsse was besonders im Werke sein.
Im ganzen Hause sei ein stinkender Rauch; dazu sei in der
untern Stube ein Geklopfe, ein Rusen und ein Tumult, daß
sein Weib und seineKinder vor Angst sich nimmer zu helfen wüßten."

„Es denkt mir noch," fiel der Zeugmacher ein, „wir Kinder
waren schon zu Bette, und meine Mutter heulte und jammerte,
die Hausleute bringen uns »och den Teufel und das Mauthes-
hccr auf den Hals."

„Ich," fuhr der Thorwart fort, „Gottfrieds Vater und
der Jaich gingen sogleich mit dem Zeugmachcr. Wir schlichen
still zur Hausthüre ein und horchten aus der Flur. In Franzens
Stube las der Nagclschmied etwas vor, was aber, konnten wir
nicht verstehen. Dazwischen hinein schlug einer mit einer Gerte
aus den Tisch und rief: „Samiel, Samiel!" Uns standen die
Haare zu Berge. „In Gottes Namen!" sagte endlich der Gott-
fried und griff nach der Thürschnalle. Es war geschlossen.
„Aufgemacht!" rief er. Die Reginc drinnen schrie hell auf,
denn sie glaubte, der Schwarze sei im Anzug. „Auf, auf!"
rief nun auch der Zeugmachcr, und als sich drinnen Niemand
regte, gab er der Thürc einen Fußtritt, daß sie krachend in die
Stube flog. Da saßen sie nun um den Tisch herum, der
Nagclschmied, der Franz und die Reginc, alle todtenblaß und
nicht vermögend, ein Wort hcrvorzubringcn. Auf dem Tische
standen sieben Lichter, der Nagclschmied hatte ein altcö Büchlein
vor sich liegen, der Franz eine Wcidcngcrte, und neben der
Rcginc standen drei leere Zinnschüsscl». „So, so", Hub endlich
der Zeugmachcr an, „haben wir Euch bei Euerem gottlosen
Treiben erwischt?" Ich griff nach dem Büchlein. Außen stand:
„Gebet zum großen Christoph". Weiter wollte ich nicht
lesen. Wie wir ihnen nun den Rost herunter gcthan haben,
könnt Ihr Euch denken. Das Büchlein warfen wir ins Feuer,
die Gerte ebenfalls, aber die wollte nicht brennen. Der Gott-
fried nahm sie daher mit aus die Brücke und warf sie ins
Wasser. Zuvor aber ward sic dem Nagclschmied, den wir
zum Thorc hinauswarfen, gehörig angemessen. Der hat gewiß
zeitlebens an die Andreasnacht gedacht, und nie mehr habe ich
ihn gesehen, weder bei Tag, noch bei Nacht, durch's Thor aus-
oder eingchcn. Dem Franz aber ist's keine Warnung gewesen.
Seit der Nagclschmied sich nimmer in die Stadt getraute, ging
der Franz hinaus nach Hohenau; cs ist keine Stunde der Nacht,
da ich ihm nicht öffnen mußte. „Franz", sagte ich einmal
zu ihm, „siehe, ich mache Dir gerne aus, aber besser wär's,
Du bliebest daheim; Du wandelst aus keinem guten Wege und
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