Fliegende Blätter — 38.1863 (Nr. 913-938)

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Der Menschenfeind.

(Fortsetzung.)

Diese vernünftige Reue über sein seitheriges Gott und
der Welt feindliches Wesen entwickelte sich vollends ganz, als
er bei dem Aussichtspunkte selbst angekommen war und dort
auf einem vorspringenden Felsen Platz genommen hatte, wo
unter einer uralten, himmelhohen Tanne ein Sitz angebracht
war, damit man so recht bequem das liebliche Thal mit seinen
bewaldeten Bergwänden, dem saftigen Grün seiner Wiesen und
dem rauschenden Bach, der sie durchströmtc, sowie an der
Thalvffnung die herrliche Fernsicht ans eine fruchtbare, mit
Dörfern besäte Ebene betrachten konnte. Es war, als wenn
der gestrige Erccß die erstarrte Gefühlswelt deö Obersten wieder
erweicht und in Fluß gebracht hätte. Es fiel ihm bei, wie
wunderbar schön sich's hier leben ließe, wenn nur die inneren
Bedingungen dazu, das frohe Herz und der gute Wille da
wären. Daran knüpfte sich der Gedanke, welch eine Sünde
es sei, daß er diesen reizenden Ort nicht schon früher auf-
gesucht und genossen habe, ja noch mehr, daß er ihn mit dem
ganzen Gut aus lauter Aerger und Unmuth — und Unmuth
über wen? im Grunde genommen nur über sich selbst —
wieder wegzugeben im Begriffe sei. Deßhalb fühlte er sich
auch ordentlich froh und erleichtert bei dem weiteren Gedanken,
daß er ja noch immer Herr seines Anwesens sei, da sich gestern
kein Kauf arrangirt hatte. Aber was war's denn eigentlich
gestern gewesen, was sollte denn dieser Besuch bedeuten? So
beschäftigte ihn, seine bisherige Gcdankcnreihc unterbrechend,
das ungelöste. Räthsel auf's Neue. Wann sollte cs sich lösen?
Wo sollte er die Lösung suchen, wie sie herbeiführen? Er
versank in ein brütendes Nachdenken, während sein Auge noch
immer das Thal hinab schweifte. Plötzlich legte er die Hand
an die Stirne und fuhr von seinem Sitze auf, als ob er
ans einem langen Traume erwachte. Er hatte unten im

Thale zwei Reiter entdeckt, die thalauswärts die Straße ritten,
welche in weitem Bogen allmählig auf die Höhe hinauf und
zu seinem Schlosse hinführte, und glaubte in dem einen Baron
Mur zu erkennen. Wie ein Blitz durchzuckte es ihn jetzt,
er schlug sich heftig an die Stirne: Wie war's möglich?
Wie konnte ich das vergessen! Eilends verließ er den Ort
und stürmte durch den Wald dem Orte zu. „Ans Wieder-
sehen! Also morgen kommen wir wieder!" Dieser Abschicds-
ruf von gestern tönte ihm jetzt auf einmal so klar in den
Ohren, als wenn er ihn eben erst vernommen hätte. „Un-
begreiflich, wie mir daö so gänzlich hat aus dein Gedächtnisse
fallen können, ganz nnfaßlich!" sprach er immer wieder vor
sich hin, während er durch den Wald eilte, um noch vor
seinen Gästen im Schlosse anzukommen.

Das gelang ihm denn auch bei dem weiten Umweg, den
sie auf der Straße zu machen hatten; cs war noch kein Gast
da, als er das Schloß erreichte, und so blieb ihm noch Zeit,
in aller Schnelligkeit die nöthigen Anordnungen zu ihrer
Aufnahme und' Bewirthung zu treffen. Denn geladen waren
sie ja; zwar hatten fic sich selbst geladen, aber er hatte die
Selbsteinladung stillschweigend angenommen, und so mußte
sie gelten. Aber während der alte Diener in aller Eile den
Saal in Ordnung brachte, Tische and Stühle hinpflanzte und
dcu Wein auffetzte, ging der Hausherr mit großen Schritten
im Saal auf und ab, die Brust von stürmischen Gefühlen
bewegt. „Es soll, es muß heute zur Entscheidung, zur Er-
klärung kommen," sprach er bei sich. „Was denken die Herren?
Donner und Wetter, sollten sie es wagen, mich zum Narren
zu haben! Und doch kann cs kaum anders sein, ich müßte
blind sein, wenn ich das nicht sähe. Aber da kennen sic
mich schlecht, wenn sie meinen, daß ihnen daö so ungestraft
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