Fliegende Blätter — 38.1863 (Nr. 913-938)

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Ein Wunderdoktor.

(Schluß.)

Hastig ergriff er denselben, um ihn zu leseu; aber
schauderhaft war die Veränderung, welche bei der Durchlesung
der wenigen Zeilen mit Sperlings Mienen vorging. Der
Wein war nämlich ein Geschenk von der Frau des nervcn-
fieberkrauken Orlsrichters und ihm von dem zweiten
Voten übcrbracht, dem er das Rezept für den an Unter-
leibscntzündung leidenden Bauer in Buchenau cingehän-
digt hatte, während der Bote des Letzteren das Rezept erhielt,
welches für den Pahnitzscher Richter bestimmt war!

Lange Zeit blieb Sperling sprachlos vor Entsetzen und
die stieren Blicke auf das verhänguißvolle Blatt geheftet.
Dann aber brach er in laute Klagen über seinen grenzen-
losen Leichtsinn aus, der ihn verhindert hatte, die Boten nach
ihrer Brodherrcn Namen zu fragen. Welcher Ausgang war
von der Anwendung der verwechselten Heilmittel in diesen
bedenklichen Krankheitsfällen zu erwarten! Und dann —
wenn nun etwa gar, wie aus den Rezepten stand, dem Orts-
richtcr zum Uebersluß alles Ucbels warme Umschläge und
dem Bauer dagegen dergleichen kalte aufgelegt worden wären?

Der Tod eines oder gar beider Patienten schien in
diesem Falle Sperling unausbleiblich und als Folge desselben
sah er sich im Geiste schon in Criminaluntcrsuchung, im
Gefängnisse. In so später Nachtstunde selbst hinauszueilen
und den Jrrthum zu bekennen, schien dem verzweifelten
Doctor ganz nutzlos;, denn wie leicht konnte die schlimmste
Wendung schon eingetreten sein und in diesem Falle würde
man ihn sogleich festgenommen und in das Gcfängniß ge-
worfen haben.

Nach langen verzweifelten Uebcrlegungen kam Sperling
endlich zu der Einsicht, daß cs hier nur einen einzigen
rettenden Ausweg geben könne und dieser war — schleunige

Flucht aus dieser Gegend. Sperling entschloß sich endlich
auch hierzu und begann, seine Habseligkeitcn zusammen zn
packen. Dieses Geschäft wollte seinen zitternden Händen
und bei seiner Aufregung gar nicht von Statten gehen; schon
graute der Tag, als er damit zu Stande war. Nun rasch
zum Gastwirth, dachte er, und den Wagen bestellt! Wohin
er fliehen wollte, das wußte er selbst noch nicht und gedachte
sich, das unterwegs zu überlegen. Nur fort, fort, um den
schauderhaften Folgen seiner leichtsinnigen Verwechslung zu
entgehen.

Als er eben auf die Straße trat, stürmte ihm eilig
der zweite der gestrigen Boten entgegen. Sperling wollte
ihm ausweichen und lief so rasch er konnte nach der anderen
Richtung, da er jetzt sich und Alles verlören glaubte; aber
eben so rasch folgte ihm der Bote, der ihn schon erkannt
hatte und jetzt ihm zurief: „Herr Doctor! Herr Doctor!
Warten Sie doch. Der Herr Ortsrichtcr schickt mich zu
Ihnen! “

Diese Worte brachten endlich Sperling zum Stehen.
Wenn der Bote vom Ortsrichter abgesandt wurde, so kann
Letzterer wenigstens noch nicht todt sein, meinte er und fragte
nun nach dem Aufträge, der ihm schon zu so früher Tageszeit
zugedacht wäre.

„Ach," rief der Bauer, „der Herr Richter und seine
Frau lassen schön grüßen und vielmals für die gute Medizin
danken. Es geht schon viel besser und ich sollte nun fragen,
ob dasselbe Rezept noch einmal bereitet werden müsse, oder
ob der Herr Doctor selbst kommen wollten, um etwas
Anderes zu verschreiben."

Sperling traute seinen Ohren kaum und ließ sich den
Bericht noch ein, zwei Mal wiederholen. Dann aber schickte


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