Fliegende Blätter — 39.1863 (Nr. 939-964)

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10 Farbige Stereo skop

So ist der Wiener, den ich als sein Landsmann, trotz
seiner Schwächen, und mag sogar sein, oft um derselben
willen immer lieber habe, als den rafsinirten, politisch ge-
schniegelten Selbstling, der überall Patriot oder auch Kos-
mopolit ist, wo etwas — „dabei herausschaut". —

Leider ist vom „Erhabenen zum Lächerlichen" nur im-
mer ein Schritt, und jede Erscheinung, die irgendwie bedeu-
tungsvoll hervortritt, trägt auch den — Schatten ihrer Kar-
rikatur hinter sich her. So will es der ewige Dualismus
in der Natur, und dagegen läßt sich nicht ankämpfen.

Habe ich nun den Versuch gemacht, die Charakteristik
des Urwieners in einigen Umrissen zu liefern, so wird man
mir's nicht übel nehmen, wenn ich auch das Zerrbild des
Wiener Kosmopoliten in mein Stereoskop stelle.

Somit stelle ich dem Leser ohne Umstände Herrn v.
Wctterwendel vor.

Er ist, ich weiß nicht mehr genau, entweder Rentier,
oder höherer Pensionist oder Mitinteressent eines gangbaren
Geschäftes, in jedem Falle befindet er sich nicht in der Lage,
das dürre Gespennst der Nahrungssorge von Angesicht zu
Angesicht zu kennen, jenes Medusenbild, welches demjenigen,
dem es erscheint, nicht erlaubt, so wohlgenährt zu bleiben,
wie Herr v. Wetterwendel es ist.

Herr v. Wetterwendel ist die Jncarnation des Gepflegt-
seins. Nur sein Haupthaar scheint dagegen sprechen zu wol-
len, indem es die Caprice hat, sich bis an den Hinterkopf
und die Schläfe zurückzuziehen und in einer Glatze einen
Boden zu zeigen, welcher nicht auf Ucberfluß von Nahrungs-
stoff schließen läßt.

Herr v. Wetterwendel begegnet auch dieser Ansicht, indem
er die Glatze für das Brachfeld seines rüstigen Körpers er-
klärt, das nur einstweilen ruhe, um unter emsiger Anwen-
dung probater Salben seiner Zeit wieder üppig aufzublühen.

Jedenfalls haben Sorgen dieses Feld auf Wetterwendels
Haupte nicht so grausam ausgejätet, das ist gewiß. Die
sonstige Ursache aber dieser Erscheinung zu ermitteln, muß
jenen modernen Medizinern überlassen werden, welche patho-
logisch das Gras wachsen hören, therapeutisch aber kein
Hündchen hinter dem Ofen hervorzulocken vermögen.

Die constatirte Sorgenlosigkeit des Hrn. v. Wetterwen-
del ist aber durchaus kein Grund, anzunehmen, daß, dieser
Mann etwa in Lethargie versunken sei, um stille der Mücken
zu lauschen, die etwa in seinem Gehirne summen.

O nein! Wetterwendel ist der unruhigste Mensch von
der Welt, und oft hämmern in seinem Kopfe die Gedanken
mit solcher Heftigkeit und Schnelligkeit, wie die fleißigen
Gesellen in einer Schmiedewerkstätte. Wetterwendel hat
nämlich das bei ihm verwaltende Interesse für das Unge-
wöhnliche bis zur Manie auszubilden gewußt.

Notabilitätensucht heißt die „Unruhe", welche sein
Uhrwerk rastlos treibt.

Nächst der Manie, Sternschnuppen mit dem Schmet-
terlingsnetz zu fangen, kann man sich keine anstrengendere
und undankbarere denken, als die Manie, jede Notabilität

-Bilder aus Wien.

in den Kreis seiner intimen Bekanntschaften zu ziehen. Sie
ist aber auch, wie die, wegen Coursschwierigkeiten außer
Cours gekommene, der Münzsammlungen, sehr kostspielig.

Herr v. Wetterwcndel weiß ein Lied davon zu singen!
Was ihn nur die Logen und Sperrsitze zu ersten Vorstell-
ungen berühmter Künstler und Künstlerinnen kosten! Und die
Diners und Soupers zu ihren Ehren, und die sinnigen
Cadeaur zur Erinnerung an den „befreundeten" Geber!

Daß Wetterwendel aus dem Holze geschnitzt sei, ans
dem der Enthusiast fabrizirt wird, das liegt auf der Hand.
Dazu ist Wetterwendel mit einer üppigen Fantasie begabt,
die ihn in dem eingclernten stereotypen Lächeln einer „ver-
götterten" Dame eine „tiefere Neigung" zu ihm, und in der
Anleihe, die ein gefeierter Künstler bei ihm macht, die
freundschaftlichste, ja brüderliche Sympathie sehen läßt.

Was ihn aber zum lustigen Schlagschatten des kosmo-
politischen Urwieners macht, das ist der beständige Wechsel
seiner Neigungen.

Heute schwärmt er für Frl. Weinberger im Carltheater,
morgen findet er sie im Grunde doch nicht so pikant, wie
irgend eine Reiterin des Circus. Jetzt glüht er von Ber-
serker-Enthusiasmus für diese, acht Tage später folgt er
Herrn Lewinsky, der durch irgend eine Nolle neuerdings in-
teressant geworden, überall hin aus dem Fuße, bis es ihm
gelingt, zwei Worte mit dem Künstler zu wechseln. Wenige
Wochen später erscheint ihm Lewinsky doch nicht so bedeu-
tend, und er lechzt jetzt nach einer näheren Beziehung zum
eingesperrt gewesenen Redacteur des „Kikeriki."

In der letzten Zeit ward Wetterwendel jedoch so heftig
und rasch zwischen Fräulein Patti, dem Löwenbändiger Batti,
dem Verfasser der „Eglantine", Fräulein Gallmeyer u. s. w.
hin und her geschleudert, daß sein Enthusiasmus und Nota-
bilitätenfang förmlich windelweich geschlagen schienen, und
seine Verherrlichungs-Begierde kaum mehr ein Glied rühren
konnte.

Wctterwendel wurde plötzlich apathisch. Ein melancho-
lischer Ausdruck belegte den Ton seiner Stimme, und acht
Tage lang kam der gute Mann seinen Freunden sehr be-
denklich vor.

Da tönte der Name: Pustowojtoff! aus der Tuba der
Tagesgeschichte, und fand in den Spalten der Journale ein
endloses Echo.

Wetterwendel wurde wieder aufmerksam.

„Fräulein Pustowojtoff, die interessante Adjutantin des
General Langiewicz, befindet sich in Prag."

Wetterwendel's Lebenskräfte kehrten immer mehr und
mehr zurück.

„Wie war'S," sagte er zu sich selbst, „wenn ich nach
Prag einen kleinen Abstecher machte? WaS?"

Da sich aber Wctterwendel noch nicht im Besitze seiner
ganzen Ursprünglichkeit befand, so brauchte die Beantwortung
dieser Frage so viele Tage, daß sie durch die unerwartete An-
kunft des Fräuleins Pustowojtoff in Wien überflüssig wurde.
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