Fliegende Blätter — 39.1863 (Nr. 939-964)

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Der Schulmeist

den Kaffe auf den Tisch setzte, „schier die Hälfte meiner
Käfer ist mehr oder weniger lädirt."

.„Ach Vetter," erwiderte dieses, „ich kann wahrhaftig
nichts dafür, ich wollte blos den Staub wegkehren, und da
fiel mir, vor lauter Behutsamkeit, glaub' ich, das eine Käst-
chen zu Boden."

„Nun, es ist trotzdem noch ziemlich gut abgelaufen,
wenigstens könnt's noch schlimmer sein. Aber was ich noch
sagen wollte: also der Franz ist diesen Morgen schon da
gewesen?"

„Ja," entgegnete die Kleine leicht erröthend, „er kam
bereits vom Wolfbach herauf, wo er nach dem Eisen sah,
und hat mir im Vorbeigehen einen guten Morgen zum Fen-
ster hereingerusen. Auch nach Euch hat er gefragt und ob
Ihr schon auf seid."

„Wird ihm wohl sehr leid gcthan haben, daß ich noch
nicht zu sehen war," spöttelte der Alte; „aber weißt Du
wohl, Anna, daß ich dem Franz verbieten werde, so früh um
das Haus zu streichen. Sonst Hab' ich immer den ersten
„guten Morgen" bekommen, jetzt nimmt mir der Bursche da
das beste Lächeln weg."

„Hui, Vetter! am Ende plagt Euch noch gar die Eifer-
sucht!" rief Anna, und ihr helles Lachen klang fröhlich in
dem freundlichen Stübchen.

„Wär' das ein Wunder! Am Ende entführt er Dich
mir auch noch. So einem Windbeutel von einem Jäger ist
ja Alles zuzutrauen."

„Ach! damit wird's schon noch gute Weile haben, wie
mir Franz erst heute Morgen klagte," sagte sie, und ließ
dabei das Köpfchen hängen; „aber hört," fügte sie wieder
munter bei, „über's Handwerk schimpft Ihr mir nicht wie-
der. Das ginge gerade noch ab, seid Ihr doch selbst so 'n
Jäger."

„Ja, obgleich mich ihre Zunft kaum als ebenbürtig an-
erkennen möchte. Und doch," setzte er vergnügt bei, „ist
mein Jagdrevier größer als das ihrige, denn meine Jagd
ist frei; da gibt's keine Hege- und Schußzcit, keine künst-
lichen Parke und Gehege, keine Wildbahn, die zu betreten
bei schwerer Strafe verboten, keinen ausschließlichen Eigen-
thümer, dessen Erlaubniß erst erwirkt werden muß. So weit
das Auge schweifen kann und der Himmel blau ist, so weit
reicht mein Jagdbezirk. Und welche Beute! Der kühle,
schattige Wald, die grüne, duftige Wiese, das von der
Sonnengluth braungedörrte Moos, der frische, lebendige Bach
und stinkende Sumpf, Alles ist belebt, und dieses Leben suche
ich auf. Und wenn ich dann Abends nach Hause kehre,
so . . . ."

„. . . . bringt Ihr eine geschwollene Nase mit, wie
neulich, als Euch so 'ne garstige Fliege gestochen hatte."

„Das sind die Gefahren der Jagd," lachte der Alte
gutmüthig, und rieb sich dabei das besagte Organ, als em-
pfände er noch den schmerzenden Stachel.

Und als hätten diese wenigen Worte auf einmal die

er in Thalbach.

Sehnsucht nach Wald und Flur in ihm geweckt, sprang er
plötzlich auf, verwahrte fein säuberlich und sorgfältig Gläser,
Schachteln und Kästen, zog seinen dunkelblauen Rock an,
nahm Hut und Stock und trat in's Freie.

Es war ein sonniger Juniusnachmittag; Alles glänzte
und funkelte im goldigsten Lichte, im Grase zirpte die Grille,
von Stein zu Stein schwirrten grüne, glänzende Käfer, und
in den Blättern summten die Bienen. Ringsum war fröh-
liches Leben. Langsam schritt er das Bächlein entlang, das
aus einem engen, waldigen Thale hervor, neben dem Schul-
hause vorübereilte. Und wie für den Freund der Natur
Alles von Interesse ist, so sah auch er mit stillem Vergnü-
gen bald dem muntern Treiben der Meisen, die sich kopfüber
an die Zweige der Tannen hingen, oder der hüpfenden
Bachstelze zu, dem Vogel, dem an Zierlichkeit der Gestalt,
sowie an Anmuth der Bewegung so leicht kein anderer gleich-
kommt, oder er sah in dem klaren Wasser des Baches die
Aesche flüchtig dahin schießen, die Forelle gierig nach Raub
springen oder den Troglodyten Krebs unter irgend einem
Steine oder Baumstumpfe tiefe melancholische Einsiedelei
treiben. Traf er dann auf einen alten morschen Stock, so
kniete er nieder und löste sorgfältig die Rinde ab; aber er
fand nichts des Mitnehmens WertheS, nur hie und da ein
paar Elater mit schwarzem Kopfe und Hochrothen Flügel-,
decken oder eine haarige, schwarze Spinne oder ein Gewim-
mel von Ameisen; dann betete er: „Nichts für uns", und
ging weiter.

Plötzlich lichteten sich die Schatten der Bäume und vor
ihm dehnte sich die sandige Landstraße durch den stillen Wald
hin. Er blieb stehen, als wär' er ungewiß, welcher Rich-
tung er folgen sollte, und nahm dabei den Hut vom Kopfe,
um das erhitzte Haupt im leise säuselnden Lüftchen zu küh-
len, da drang plötzlich ein Rollen, wie das schwache Grollen
eines entfernten Gewitters an sein Ohr und das entschied.
Ohne nur einen Blick himmelwärts zu werfen, schritt er
rüstig die Landstraße fürbaß, und als nun auch ein drei-
maliges, helltönendes „Inh" hörbar ward, sprach er im
ernsten Nachdenken: „Das ist gewiß wieder der Huberlenzl,
der scheibt allemal neuni. Wie's nur sein kann!" Und siehe
da, so war es auch. Links abseits von der Straße stand
das Wirthshaus mit seinen Ställen, Stadeln und Scheunen
und mit dem freundlich grüßenden Schilde und rechts stand
die Kegelbahn und der Lenzl hatte gerade alle Neun ge-
schoben. Unter der viclhundertjährigen, breitästigen, schatti-
gen Linde vor dem Hause aber saß eine Gesellschaft, der
Pfarrer, der Förster, der Bader und ein Vetter des Pfarrers,
ein leichtblütiger Student, unb der Forstgehilfe Franz, des
alten Forstwarts Pfand! nicht minder leichtblütiger Sohn.
Und alle diese winkten ihm schon von weitem zu. Und als
er darauf hinkam, fragte ihn das holdselige Wirthstöchter-
lein, die dankbare Schülerin: „Schaffen's a Maß, Herr
Lehrer?" Er aber, indem er verstohlen auf die Hochwürden
blickte und sah, daß diese auch blos eine Halbe vor sich
stehen hatte, sagte, schulmeisterlicher Bescheidenheit voll: „A
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