Fliegende Blätter — 39.1863 (Nr. 939-964)

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Ein Weihn

Ein lautes Weinen aus der Ecke unterbrach den jungen
Mann: „Mutter, wer ist denn der? wer ist denn da?"

Therese erhob sich, und ängstlich die Blicke des früheren
Jugendbekannten vermeidend, eilte sie zu dem weinenden
Kinde: „Annchen, Annchen schlaf doch, schlaf liebes Kind!"

„Mutter, ich kann ja nicht! mich hungert so sehr!"
klagte die Kleine.

„Leg' Dich nur nieder, leg' Dich nur. Du wirst ge-
wiß wieder schlafen!"

Um Gotteswillen, Therese, steht es so, hast Du nicht
einmal für das arme Kind genug?" rief tiefbewegt der
junge Mann.

Schluchzend erwiderte Therese, noch immer beider Kleinen
kniecnd: „Sie hat seit heute früh nichts mehr gegessen,

Wilhelm!"

„Mein Gott, mein Gott! Ist ein Bäcker in der Nähe,
ein Milchladen? Therese, hier muß vor allen Dingen etwas
zu essen da sein, ich gehe, aber ich komme wieder, und dann
Therese sei offen gegen Deinen Bruder, sammle Dich, wir
wollen von nichts reden, als von der Gegenwart, und wie
geholfen werden kann." Der junge Mann war wieder aus
der Kammer hinaus und tappte die Treppe hinunter.

Schluchzend aber kniete die zerknirschte Mutter bei ihrem
Kinde und vergeblich fragte die Kleine: „Wer war denn das?
hat er Dir etwas gethan, Mutter?"

Eine halbe Stunde mochte verronnen sein, da kam
Wilhelm zurück einen Topf tragend, aus welchem der Dampf
warmer Milch emporstieg, er hatte seine Einkäufe gemacht
und hatte beim Hausbesitzer unten die gekaufte Milch er-
wärmt. „Hier bringe ich für's erste etwas," sagte er, indem
er den Topf auf den Tisch setzte und aus allen Taschen
seines Rockes Semmeln hervorholte, „nun eßt, und Du armes
kleines Kind, komm und iß."

Leuchtenden Blickes kam die Kleine heran, auch das
andere Kind wurde geweckt, um die langentbehrte warme
Speise zu genießen. Wilhelm bat Therese, auch sie möge doch
etwas genießen, aber kaum konnte er die Erschöpfte dazu
bringen. Eine unsägliche Scham schien sie niederzudrücken dem
Spielkameraden ihrer Kindcrjahre gegenüber. Die gesättigten
Kinder wurden wieder eingewickelt in Decken und Kleidungs-
stücke und schliefen alsbald ein.

„Und nun, Therese," bat Wilhelm, „ein offenes Wort!
Ich brauche nicht erst von Dir zu hören, wie es Dir geht,
diese kalte traurige Kammer, die Hast der armen Kinder,
mit der sie über die Milch und die Semmel herfielen, sagt
genug. Bist Du so ganz hilflos?" Therese begrub ihr
Gesicht von neuem in ihre Hände, und die Thränen quollen
ihr zwischen den Fingern hervor. „Ja," sagte sie endlich
erschöpft, „ich bin ganz hilflos, ich weiß nicht wovon
wir leben sollen, wo wir leben sollen! Zum neuen
Jahr muß ich auch hier heraus, dann bleibt uns nichts, als
die offene Straße! Ach Wilhelm, Wilhelm, ich bin nahe
daran gewesen, mich mit den Kindern in's Wasser zu
stürzen!"

achts abend.

„Um Gotteswillen, Therese! Aber konntest Du es nicht
über Dich gewinnen, zu Deinem Vater zu gehen?" Weinend
schüttelte sie das Haupt. „Kennst Du den Vater nicht? er
hatte mir sagen lassen, ich sei für ihn tobt und gestorben,
ich sollte nie hoffen, jemals wieder seine Liebe, seine Hilfe
zu erbetteln. Ich konnte nicht zu ihm gehen, ich hatte ihn
zu schwer, zu bitter gekränkt, er wollte mir nicht vergeben.
Ach Wilhelm, Wilhelm, ich bin unsäglich unglücklich!"

Wilhelm schaute stumm und nachdenkend vor sich nieder.
Endlich begann er zaudernd: „Therese, ich habe Dir ver-
sprochen, nicht von der Vergangenheit zu reden, aber...
wenn Du... wenn Du mir sagen könntest... der Vater
hat Dich doch, wie er sagte, mehrmals eingeladen, zu ihm
zurück zu kehren?"

„Ich konnte es ja damals nicht! Sieh', ich will Dir
Alles erzählen, wie es gekommen ist. Alles! Du hast mich
nicht verstoßen, Du hast mich ausgesucht! Wilhelm, Wilhelm!
Gott vergelte Dir's, ich kann es nicht!" und damit drückte
die Schluchzende Wilhelms Hand an ihre thränengeschwollenen
nassen Augen. „Ja, ich will Dir's erzählen wie es kam,"
fuhr sie fort. „Daß doch Einer ist, der es weiß.. Ich bin
schuldig, schuldig ... aber es ist doch auch Manches ... und
Du siehst's vielleicht ein! Ach, meine armen, armen Kinder!
Siehst Du, Du warst kaum fort," begann sie von neuem,
„da wurde die Mutter krank und immer kränker und endlich
starb sie. Ach Gott, was waren das für Tage!"-

„Und nun war ich allein mit dem Vater. Das ging
nun so eine Weile, ich besorgte das Hauswesen. Endlich
fing ich an, den kleinen Kreis meiner Bekannten wieder
aufzusuchcn. Bei Schedler's — Du wirst Dich wohl ihrer !
erinnern — hatte sich ein Lesekränzchen gebildet, ich besuchte
auch dies. Da war ein junger Mann, er war Lehrer in
der Pension des vr. Wille, der kam auch dahin und war
meistens der Vorleser. Ach, Wilhelm, ich weiß nicht wie
es zugegangen, aber als ich ihn zum ersten Male sah, da
war ich gefangen, und als ich aus der Gesellschaft ging,
war all mein Sinnen und Denken nur bei ihm. Damals
hätte ich wohl sollen widerstehen, damals hätte ich alle die
Gedanken an ihn Niederkämpfen sollen, hätte alle Gesellschaft !
fliehen sollen, damals — sie seufzte tief auf — vielleicht
wäre es damals noch möglich gewesen. Aber, ach Gott!
es war mir ja gleich damals unmöglich! Für mich war nur
noch der Tag des Kränzchens da in der ganzen Woche, und
alle anderen Tage mußten nur so mitgenommen werden und
wurden nur dadurch erträglich, daß ich an ihn dachte. Ich
weiß nicht, ging es ihm ebenso — gesagt hat er mir's nach-
her oft — oder war es, daß er merkte, wie ich mit Herz
und Blick an ihm hing, er wendete sich meistens an mich,
er bat sich aus, mich nach Hause begleiten zu dürfen, er bot
mir seinen Arm, ich konnte es nicht ablehnen, ich wäre mit
ihm in den Tod, in die Hölle gegangen! Es war ja nicht
recht! Ach Gott, ach Gott! aber wenn ich zurückdenkc, wie
mir's damals war, ich weiß nicht, wie ich's hätte ändern
sollen. Nun wurde es immer schlimmer, wie ich damals
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