Fliegende Blätter — 6.1847 (Nr. 121-144)

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Sultan.

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Stunde um Stunde verrann und Herr Talamont verspürte
nach und nach großes Verlangen nach einiger Magenstärkung
— doch wagte er es nicht, das Haus zu verlassen. Also ward
ihm recht schwach zu Muth, bis er zuletzt meinte, jetzt vermög'
er nimmer, es zu ertragen. Eben wollte er fich zurecht machen,
als er einen Diener des Herzogs über die Straße kommen sah,
der kerzengerade aus sein Quartier zuschritt.

„Heiliger Gott," rief Herr Talamont, „am Ende haben
fie mich doch auf der Spur." Er nahm schnell wieder seinen
Talar um, setzte seine blausammtene Mütze auf und warf sich
in den großen Lehnstuhl. Bald darauf klopfte es.

„Herein!" sagte Herr Talamont mit kläglicher Stimme.
Der Diener des Herzogs ttat ein.

„Guten Abend — guten Abend, lieber Freund!" sprach
Herr Talamont. „Euch führt wahrhaftig der Himmel zu mir.
Den ganzen Tag bin ich schon so krank, daß ich nicht vom
Stuhl ausstehen und keinen Menschen bitten kann, mir eine
Labung zu bringen."

„Bedauere," versetzte Jener, „ich steh' Euch gerne zu
Diensten. Doch da Ihr so krank seid, werd' ich wohl vergeb-
lich gekommen sein. Der Herr Herzog schickt mich zu Euch her,
und läßt Euch sagen, Ihr möchtet aus der Stelle in die Hof-
burg kommen."

Herrn Talamont rieselte es eiskalt über den ganzen Leib.
„So plötzlich?" sagte er und seufzte, als ob ihm jedes Wort,
das er spräche, sehr viel Schmerz mache.

„Ja wohl," entgegnete der Diener. „Er sagt, es sei gute
Gelegenheit da. Euere Kunst zu beweisen. Ihr befaßtet Euch
mit Wünschelruthen, könntet dem Menschen große Kraft ver-
leihen — darin woll' er Euch in Kurzem prüfen, aber fürerst
will er eine Prob' von Euerer anderen Kunst, als ist, die
Geheimnisse zu errathen."

„Ja, das geht nicht so schnell," sagte Jener. „O lieber
Freund, da hat es gar manchen Hacken und hat die Sache
vor Allem zwei Seiten. Entweder helf ich aus die Entdeckung
des Geheimnisses, das ist ein Trost — oder ich beweise, daß
es unmöglich sei, dem Geheimniß aus die Spur zu kommen,
da braucht man fich also nicht weiter zu plagen, das ist auch
ein Trost — o glaubt mir, das ist oft ein noch weit größerer
Trost als der andere Trost! Vergeßt aber Euere Sache nicht,
lieber Freund — was will denn der Herzog wissen?"

Da erzählte der Diener, was in der Burg vorgefallen,
davon den ersten Theil kein Mensch besser wußte, als Herr
Talamont selbst. Der stellte fich aber äußerst zornig darüber,
indem er oft absetzte und hustete: „Das ist eine Kühnheit,

; nein, das ist eine freche That — 's ist wahrhaftig kaum zu
! glauben — den Gesellen soll man ja gleich aufhängen, der
! es wagt, in des Herzogs Burg solcher bösen Neigung zu
folgen! Ei, das muß kein kleiner Schelm sein — aber sagt
mir, habt Ihr denn gar keine Spur?"

„Gar keine," sagte der Diener. „Nur das wissen wir vom
Thürhüter, es sei Einer in einem rothen Mäntelein schnell zum
Burgthor hinaus — den nächst Besten kann man des rothen
Mänteleins halber auch nit sesthalten. Also wissen wir gar nichts."

„Ja fteilich wißt Ihr nichts," fiel Herr Talamont ein.
„Da könnte man eine schöne Ungerechtigkeit begehen. Vielleicht
war's nicht einmal roch, mein Gott, der Thürhüter hat eben
was dahergesagt, das ist keine Gewißheit."

„Nein, das ist ganz gewiß so," betheuerte der Andere.

„Nun, wenn er's gewiß weiß," entgegnete Herr Talamont,
„so wird es wohl so sein. Aber, lieber Freund, das ist eine
andere Frage — ob der mit dem rothen Mäntelein nicht allein
der war, so zum Thor hinauseilte — versteht Ihr mich —?
sondern ob er auch der war, so der Jungfrau nachsetzte! Ah,
das ist eine große Frage und darüber ist man noch nicht in's
Klare gekommen."

„Das ist's eben!" erwiederte Jener.

„Hört, lieber Freund," sagte Herr Talamont — „sogleich
habt Ihr das begriffen — Ihr scheint mir ein sehr heller Kopf
zu sein — 's ist schad, daß Ihr nicht studiert habt."

„Ihr seid zu gut," entgegnete der Andere; „was soll ich
nun dem Herzog melven?"

„Ja so — dem gnädigen Herrn Herzog" — sagte Jener
wieder mit schwacher Stimme — „lieber Freund, sagt, ich lass'
mich ihm zu Füßen legen, aber heute sei ich nicht fähig, das
Haus zu verlassen. Morgen steh' ich zu Diensten. Wär' es
blos Schwäche in den Gliedern, in den Gelenken, so könnt'
ich mir freilich leicht helfen, aber ich bin innerlich krank —
da auf der Brust fehlt es mir wieder, das sind solche Anfälle
— dabei kann ich meine Mittel für die Stärke nicht gebrauchen.
Doch ich weiß für diese Krankheit auch ein Mittel — ich
hatte nur keine Seele um mich, das bringen zu lassen, was ich
bedarf — ei Ihr seid wohl so gut und schickt mir durch Einen
oder den Anderen um zwo Heller Honigseim und um einen
Heller Essig, ich mache mir ein Tränklein, das mir helfen
mag — aber ich sag' es Euch, Ihr dürft Euch durchaus nicht
weiters heraufbemühen, schickt nur einen Anderen — versteht
Ihr? — Morgen von der neunten Stunde an bin ich dann
in rer Hofburg, und warte bis ich vorkomme."

„DaS will ich berichten," sprach der Diener; „das Ver-
langte soll Euch der Toni vom Stern herüberbringen. Wünsch'
besten Erfolg!"

„Viel Dank, lieber Freund," entgegnete Herr Talamont —
dazu hustete er wieder mehrmals — „meinen unterthänigsten
Respekt zu vermelden." Kaum war der Diener aus der Thüre,
als Herr Talamont glückselig ausfuhr und sumste: „Sie kennen
dich nicht!" Zugleich eilte er einigemal auf und nieder. Plötz-
lich hörte er wieder Schritte, und noch hatte er den Lehnstuhl
nicht wieder erreicht, so stand der Diener des Herzogs wieder
in der Stube.

„Ei was ist denn das?" ries der, „Ihr seid ja ganz
munter!"

„Munter?" rief Herr Talamont mit bebender Stimme —
„ich munter?!" Er rannte dabei auf und ab, so schnell er
konnte und that dergleichen, als ob es ihn entsetzlich fröre —
„das ist dag Fieber," fuhr er fort, „das heftigste Fieber! das
reißt mich einmal auf und dann wirft's mich wieder hin, daß
ich vor lauter Schwäche kaum mehr sprechen kann! Ja lieber
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