Fliegende Blätter — 9.1848 (Nr. 193-216)

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Memoiren eines Opfervfennigs.

Tage in seiner Vergangenheit hatte! 3ch sah jetzt die Soldaten
zerstreut im Lande hinziehen, fie gehen mit der Miene des Sie-
gers, offenbar ist es ein erobertes Land, das fie durcheilen. Aus
den Nebeln der Traumesluft bildet fich dort ein einsames Haus,
eS muH, nach den dielen Nebengebäuden zu schließen, ein bedeu-
tender Bauernhof sein. Aber der Gräuel der Verwüstung ist dar-
über hingegangen. Die Ställe find offen und leer, die Thüren
und Fenster find zerbrochen, selbst der in der Mitte des Hofes
stehende Brunnen ist umgeworsen und zerstört. Ich überschaue
die ganze Wohnstube und fie bietet ein neues Bild des Jammers.
Der Tisch umgestürzt, die Tischschublade herausgeriffen, Löffel
und zerbrochene Schüsseln bedecken den Boden. Und um das
Blld der Verwüstung noch grauenvoller zu machen — mitten
unter den Trümmern steht eine Wiege mit einem kleinen Kinde
und vor der Wiege fitzt ein ungefähr zweijähriges blondes
Mädchen und nagt an der Brodrinde, die es seinem kleinen
Nachbar geraubt hatte. Jetzt ertönen Schritte aus der Hausflur,
das größere Kind, das diesen Laut schon lange nicht mehr
gehört haben mag, klammert fich an die Wiege, erhebt fich

und wackelt mit fteudigem Antlitz der Thüre entgegen. Diese
geht auf und wer tritt herein? Es ist mein Greis! Das Kind
eift auf ihn zu, umfaßt eines seiner Knie und hebt die gefal-
teten Hände bfttend zu ihm empor. Der vertrauungsvolle Blick
aus dem lieblichen Geficht machte den beneidenswerth, der ihm
Hllfe bringen und sein Vertrauen rechtfertigen konnte. Ich
fteute mich auch für den Krieger, der seinen Muth in Rettung
seines Feldherrn so glänzend erprobt, daß ihm jetzt auch eine
Gelegenheit geboten war, seinen Edelsinn zu zeigen. Aber schau-
dervoll war das, was folgte. Der Soldat, grimmig durch die
getäuschte Hoffnung auf Beute, faßte das arme Kind an einem
Füßchm, ich sah seine blonden Löckchen in der Luft flattern,
und an die Wand geschmettert rann das Blut deffelben herab.
Der Wüthrich eilt zur Wiege, durchsucht fie und da er Nichts
von versteckten Schätzen findet, stürzt er die Wiege um, des

j Köpfchens und der Hände nicht achtend, die aus dem einge-
? schnürten Bett jammervoll heraushingen. Ich sah später den-
selben Soldaten in einem Gebüsch mit verzweiflungsvollen
Blicken sitzen; Plötzlich sprang er aus und eilte aus den
Schauplatz seiner Gräuelthaten zurück. Dieselbe Bauernstube
tauchte aus dem Bereiche der Träume wieder auf, mit ängst-
lichem Tritt, scheu umherblickend, geht der Soldat zur Thüre
herein, stürzt auf die Wiege hin und kehrt fie rasch um. Aber
ach — das Gestchtchen des Kindes war blau, seine Augen mit
Blut unterlaufen, es hatte sich schon zu todt gezappelt. Das
Blut an der Wand war auch schon geronnen und schaute wie
die Buchstaben eines furchtbaren Zeugnisses auf den Mörder
herab. Dieser wagte mit seinen Augen nicht den kleinen Leich-
nam zu suchen, verhüllte sein Geficht und eilte der Thüre zu.

Während ich dieses Bild sah, warf sich der Träumende unge-
stüm hin und her und tiefes Stöhnen entwand sich seiner Brust.
Ich war so in die Bettachtung dieses Traumbildes versunken,
daß ich gar nicht bemerkte, wie fich eine dunkle Hand neben
uns Münzen auf dem Brettchen eingefunden hatte und die
Pfennige hastig zusammenräumte. Ich prallte vor Schrecken
so zurück, daß mein Pfennighaus mit mir zurück wollte. Die
Hand aber, die schon die Finger nach mir gekrümmt hatte, gehörte
einem jungen Manne, der mitten im Stübchen stand und den
ich sogleich aus der Gefichtsähnlichkeit als den Sohn meines
bettelnden Greises erkannte. Der Schreckliche hatte fich während
der Nacht heraufgeschlichen, um seinem Vater die erbettelten
Pfennige zu stehlen. Ich habe viele Diebsgeschichten gesehen,
eine schauderhaftere nie. Vor der Thüre des Stübchens kauerte
eine Weibsgestalt im Nachttock, wie eine große Katze mit
brennenden Augen; ich irrte mich nicht, es war das Weib
des Sohnes, die ihn zu diesem Bubenstück verleitet hatte.
Ich war nicht geneigt, mich stehlen zu lassen.

Vermöge der uns Geistern inwohnenden Kraft, die mög-
lichen Folgen jeder menschlichen Handlung in Bildern zu zeigen,
suchte ich den Dieb von der Niederträchtigkeit seines Beginnens
zu überzeugen. Die Aussicht in eine weite Landschaft dehnte
fich vor den Augen des ungerathenen Sohnes aus, ein riesiger
Galgen erhob fich in der Mitte derselben, von Leichnamen be-
hängen und Raben umflattert. Im raschen Wechsel ließ ich
ihm seinen Vater schauen, wie er, von Thür zu Thür wandelnd,
die Almosenpfennige einsammelte. Ich zeigte dem Dieb sein
eigenes Bild, wie er am Rand eines Abgrundes hineilte, zu
seinen Füßen riß fich gähnend der Schlund der Hölle auf; ich
bot alle meine Kraft auf, dieselbe mit Schreckensbildern zu
bevölkern. Der Dieb stutzte wirklich einige Sekunden; aus
seinem Herzen stiegs aus wie eine Hand mit gehobenen Finger
drohend. Es war sein Gewissen. Ich fing schon an mich des
Siegs zu fteuen, aber der weibliche Unhold an der Thüre
winkte ungeduldig — ein rascher Griff der Hand, und ich war
mit allen meinen Genossen in der Tasche des Diebes.

Wie es uns Geldgeistern eine Freude ist, unserm recht-
mäßigen Herrn zu nützen, so haben wir die Gewalt, denen,
die uns widerrechtlich in ihre Gewalt bringen, zu schaden.
Wir machen auch so häufig davon Gebrauch, daß wir das

Werk/Gegenstand/Objekt

Titel

Titel/Objekt
"Memoiren eines Opferpfennings"
Weitere Titel/Paralleltitel
Serientitel
Fliegende Blätter
Sachbegriff/Objekttyp
Grafik

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Aufbewahrung/Standort

Aufbewahrungsort/Standort (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Inv. Nr./Signatur
G 5442-2 Folio RES

Objektbeschreibung

Maß-/Formatangaben

Auflage/Druckzustand

Werktitel/Werkverzeichnis

Herstellung/Entstehung

Künstler/Urheber/Hersteller (GND)
Muttenthaler, Anton
Entstehungsort (GND)
München

Auftrag

Publikation

Fund/Ausgrabung

Provenienz

Restaurierung

Sammlung Eingang

Ausstellung

Bearbeitung/Umgestaltung

Thema/Bildinhalt

Thema/Bildinhalt (GND)
Soldat <Motiv>
Wiege
Kleinkind <Motiv>
Tür <Motiv>
Säugling <Motiv>
Karikatur
Satirische Zeitschrift

Literaturangabe

Rechte am Objekt

Aufnahmen/Reproduktionen

Künstler/Urheber (GND)
Universitätsbibliothek Heidelberg
Reproduktionstyp
Digitales Bild
Rechtsstatus
Public Domain Mark 1.0
Creditline
Fliegende Blätter, 9.1848, Nr. 200, S. 58
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