Göbel, Heinrich ; Göbel, Heinrich [Editor]
Wandteppiche (II. Teil, Band 1): Die romanischen Länder: Die Wandteppiche und ihre Manufakturen in Frankreich, Italien, Spanien und Portugal — Leipzig, 1928

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F l o r e n z

Zeichnung, Africa kündet VITT10 DEM.1 LEODO BERNI, America: VITT0 DEM.0T
LEODO BERNI F.

Als Gegenstück entsteht die nicht minder wertvolle Elementenserie (Ahb. 421, -422).
Lorenzo del Moro entwirft den dekorativen Teil der „Erde" (1725), des „Wassers"
(1728) und der „Luft" (1730), Sagrestani (f 1721) bearbeitet die allegorischen Figuren,
Costner dürfte an dem landschaftlichen Hintergründe beteiligt gewesen sein. Die „Erde"
(Abb. 421), das zuerst (1728) vollendete Stück der Reihe, mißt in der Höhe 3,22 m,
in der Breite 2,26 m. Es zählt zu den dekorativ wertvollsten Teppichen der Manu-
faktur; der Rahmen ist trotz seiner ausgesprochen bildlichen Auffassung von starker,
zugleich feinabgestimmter Wirkung, die Mittelfigur hebt sich lebhaft von dem Hinter-
grund — der leider allzu sehr die Ölfarbentechnik verrät —, malerisch unterstrichen
durch das vorgelagerte Löwenpaar.

Die „Luft" (H. 3,38 m, L. 2,31m), 1730 vollendet, zeigt eine gekrönte szepterführende
Frauengestalt (Juno), ihr zu Füßen lagern die Winde, zwei Pfauen dienen als Embleme;
die Bordüre verwendet das Konstruktionsprinzip der Fassung der Erde, an Stelle der
bocksfüßigen Satyrn erscheinen geflügelte Winde, die Frucht- und Blumengehänge
sind durch Musiktrophäen ersetzt. Beide Teppiche zählen zum Bestände der Galleria
degli Arazzi, Wasser (Neptun mit Delphinen, Tritonen und Nymphen, zwei Meer-
pferde beherrschen den Vordergrund, die Bordüre verbindet geschwänzte Seegott-
heiten mit Muscheln und Fische) sowie „Feuer" (Abb. 422) befinden sich in dem
Mobilienbestande des Palazzo Pitti zu Florenz. „Feuer", das letzte Stück der
Serie, geht im Entwurf der Fassung auf Giuseppe Grisoni (Grifoni, der walonische
Maler und Bildhauer Pierre Joseph Grison), der an del Moro's Stelle getreten ist, zu-
rück. Die Lösung ist trocken und dürftig, die Zusammenfassung der beiden oberen
Figuren mit dem schmückenden Beiwerk wirkt scheniatisch; unangenehm tritt der
Bordürengrund in Erscheinung. Wirkungsvoll dagegen gibt sich die lebhaft bewegte
Gestalt Vulkans mit den beiden Schmieden (Zyklopen) und den bissigen Kötern, von
dem Sagrestanischüler Matteo Bonecchi am 22. Dezember 1734 im Karton zur Ab-
lieferung gebracht.

Girolamo Costner tritt vorübergehend in den Hintergrund, 1726 stellt der Meister
Land Schaftsentwürfe, für die Sagrestani die Figuren zeichnet, der Manufaktur zur Ver-
fügung. Das Jahr 1731 bringt als Gegenstück der Fischer- und Hii tenszenen (1726)
Waldlandschaften, in denen Hirten und Bauern ihr Wesen treiben; im Hinter-
grunde wölbt sich das Meer, Gebäude schimmern in der Ferne; mit Bändern
durchflochtenes bronzefarbenes Laubwerk bildet auf amarantfarbenem Grunde die
Fassung.

Als neue Patronenmaler erscheinen 1729 Giuseppe Moriani, 1730 Giovanni Domenico
Ferreti, gen. da Imola, ein nicht unbedeutender Fresken- und Bildnismalcr, Gaspero
Lapez und 1732 Vinccnzio Meucci. Nach Bronconi's Ableben (1732) tritt Giovanni
Francesco Pieri an seine Stelle. Er bekleidet das Amt nur 4 Jahre, bis zur Aufhebung
der florentinischen Arazzeria.

1732 entwirft Guiseppe Grisoni, in starker Anlehnung an die gleichzeitigen Arbeiten
von Beauvais, den „Raub der Proserpina", der 1733/34 von Leonardo Bernini und
seinen besten Kräften in Wolle und Seide übertragen wird (42). Der Behang
(Abb. 423) zeichnet sich durch ungewöhnlich große Abmessungen aus (H. 5,70 m,
L. 5,92 m), die Signatur nennt LEON.00 BER.NI 1733. Versinnbildlicht der „Raub der
Proserpina" das Feuer, so charakterisiert der „Sturz Phaethons" — die Bordüre ist
fast die gleiche — die Luft (Abb. 424). Vincenzio Meucci liefert Ende August 1735
den Karton der Bilddarstellung, 1737 ist die Wirkerei vollendet, „Leonado Bernini e
sva giovani 1737" meldet die Signatur. Im Entwürfe ist der Behang glücklicher als
der „Raub der Proserpina", in dem Höhenmaße (H. 5,88 m, L. 4,85 m) paßt sich der
Teppich seinem Gegenstück ziemlich genau an. Die von Schmerz und Entsetzen be-
wegte Frauengruppe der Vorderbühne fügt sich wirkungsvoll dem landschaftlichen
Rahmen ein, der dunkle Baumschlag, der zur Rechten das Motiv schließt, hebt sich

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