Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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ÜBER WOHNEN UND WOHNLICHKEIT.

VON INES WETZEL—FRANKFURT A. M.

r*\as Leben draußen umgibt uns mit Fremdheit und
*S Gleichgültigkeit. Die Gesamtheit, die große Masse
hat ihre eigenen Gesetze, denen der Einzelne sich
fügen muß, mit welchen er rechnen und paktieren muß.
Die Wohnstätte aber ist der Gegenpol der Außenwelt,
bei uns Deutschen vor allem, die wir subjuktiver sind,
aber auch tiefer und stärker empfinden als andere
Nationen. Der Engländer steht seinem Heim, wie allem
was zu seinem äußeren Leben gehört, mit souveräner
Sachlichkeit gegenüber und ist wohl gerade deshalb so
früh schon zu einer hochentwickelten Wohnungskultur
gekommen. Er stellt bestimmte, allgemeingültige Dogmen
komfortabler Lebensführung auf, die jeder anerkennt
und denen er, so gut es seine Verhältnisse gestatten,
nachstrebt. Der Franzose braucht eine in sich abge-
schlossene Heimstätte zur Ruhe und Erholung nicht so
unbedingt, weil er, leichtblütiger und weniger empfind-

sam, nicht so sehr notleidet im Daseinskampf. Er läßt
deshalb auch in seinem Heim der Unruhe und Beweg-
lichkeit breiteren Spielraum, durch lebhafte Geselligkeit.
Der Deutsche aber, schwerblütig, mit starkem Gefühls-
leben empfindet das Leben schwerer und verbraucht
seine Lebenskraft daher intensiver. Er bedarf der
Heimstätte vor allem um sich in Ruhe und Sammlung
für neue Leistungsfähigkeit zu stärken und zu erholen.
Die großen Gesetze der Schönheit und Zweckmäßigkeit
konnten wohl deshalb lange Zeit in diesen Wohnstätten
nicht zu Wort kommen, weil einerseits bis zur Gleich-
gültigkeit entwickelte Anspruchlosigkeit, andererseits aber
Pietät und Gewohnheit jeden sachlichen Standpunkt von
vornherein ausschlössen und den Gedanken an gesteigerte
und genußreiche Zweckdienlichkeit von Raum und Um-
gebung gar nicht in uns aufkommen ließen. Häßlichkeit
und Ungeschmack kam uns nicht zum Bewußtsein und

ARCHITEKT CARL WITZMANN —WIEN.

BÜFETT-WAND EINES SPElSE-ZljMMERS.
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