Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INNEN-DEKORATION

Wer ausgerüstet ist mit der Kenntnis von der Historie
der Kunsterscheinungen, sich still hinsetzt, die
Augen fest schließt, und den Bildeneigen der einander
folgenden Kunstepochen an sich vorüberziehen läßt, der
wird bald kopfschüttelnd gewahr, daß das Gebiet künst-
lerischer Betätigungen vielleicht zu keiner Zeit so von
verschiedenen Kommandorufen erfüllt war, die alle ihr
Dogma dem Siege zuführen wollen, wie heute. Es er-
scholl vielleicht nie ein derart vielstimmiges und höchst
unharmonisches Echo der heterogensten An- und Absichten
über künstlerische Dinge wie heutigentags, wo minde-
stens ein gut Stück abstrakten Kunstverständnisses zum
unentbehrlichen Inventarium der allgemeinen Bildung
gehört, wenn man schon nicht selbst allerhand »Kunst-
gegenstände« schafft! In der Tat, man sieht viele, teils
große, teils kleine Gemeinden gleicher Überzeugung die
absonderlichsten Wege nach dem allen gleich heiß er-
sehnten Ziele des wahren Kunsüdeales unserer Zeit
schreiten, daß es sich schon verlohnt, auf das Grund-
sätzliche gewerblicher Kunstübung aufmerksam zu
machen. Das Komponieren besteht im Wählen und
Er/.ählen. Das Ergebnis der Wahl ist das Motiv, das
Ergebnis des Erzählens seine Darstellung. Bei der ge-
werblichen Kunstübung entfällt das erstere, es handelt
sich ja nur immer darum, einem Bedürfnisse der Menschen

zu entsprechen, z. B. dem auszuruhen, oder etwas zu
verwahren, sofern es sich um Gebrauchsmöbel handelt,
oder dem auszuschmücken, zu repräsentieren, sofern es
sich um Luxusmöbel handelt. Um so schwerer ist es
daher, hier einen persönlichen Ausdruck zu finden. Die
rein geistige Entdeckungsfahrt nach der Quelle, dem
Motiv, entfällt hier ganz, es handelt sich um eine rein
formale Komposition dreidimensionaler Objekte. Die
geistige Schöpfungsaibeit, gemeiniglich Technik der Kom-
position genannt, wird im Kunstgewerbe zur Komposition
der Technik. Alle Eigenheiten, die sich der -Künstler
mit dem Stoffe gestatten darf, dürfen nur variierte Tech-
nik sein, darum muß der Künstler die Eigenschaften der
Stoffe, die er formt, kennen. Es ist also notwendig, die
mechanische Technologie der Baustoffe zu kennen und,
sofern es sich um ein Zusammensetzen von: Teilen handelt,
auch das Gewerbe, das sich damit befaßt. Die Komposition
muß ihren Weg vom Großen zum Kleinen nehmen, von
dem Räume über die Gegenstände in demselben bis auf
die kleinsten Teile dieser Gegenstände. Die Komposition
läßt sich demnach in drei Teile gliedern: in die Kom-
position des Raumes, des Objektes, und der Objektsteile.

Was zur guten Komposition eines Raumes gehört,
sagt der Begriff des Wortes selbst. Ich verstehe unter
Komposition eines Raumes das Ineinanderklingenlassen
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