Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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INN EN-DEKORATION

ALFRED AI.THERR.

SCHREIBTISCH IN MAKASSAR-HOLZ ZU SEI TE I i; 6.

aus ihm der Geist der Heimat sprechen, als
Grundakkord in seinem mächtigen Liede mit-
klingen, aber es wendet sich an die Welt und
umfatSt sie ganz. Denn was aus ihm entgegen-
strahlt, ist hohes Menschentum und großes
Erleben ! Und das ist keiner bedeutenderen Kunst-
richtung fremd. Diejenigen aber, die das örtlich
Bedeutsame auf Kosten des allgemein Wertvollen
anpreisen, untergraben das freie Eeben der
Kunst, die wohl in Art und Zeit wurzelt, deren
Bluten aber in eine andere Welt hineinreichen,
die allen gemein ist. die vor dem Altare der
Schönheit knien. Und deswegen wollen wir uns
keine Scheuklappen umbinden, die uns von allem
Eremden trennen! Wir können uns stolz und
froh als Deutsche fühlen und dabei doch unsere
Blicke überall hin richten, wo Schönes vor
uns steht, auch wenn gerade Mondschein und
Giebeldächer dabei fehlen. Wenn man mich nach
einem der deutschesten Künstler der letzten
Zeit fragte, würde ich Hans v. Mare'es nennen,
auch wenn er italienische Landschalten malt:
Das ist der große Kampf des deutschen Künst-
lers, der in sich die südliche Kunst in einer
höheren Einheit überwinden will. Er fällt im
Kampfe, um ihn aber brausen Siegesfanfaren,
und andächtig bewundern wir das ungeheuere
Wollen, das vielleicht am mächtigsten uns dort
ergreift, wo es ins Dunkle tastet. Denn da
fühlen wir: da suchte einer den Weg ins Un-

zelnen wurzelt, läßt sich nicht klar bestimmen.
Diese feinen Fäden verschleiern sich oft unserem
suchenden Auge und verwirren sich, wenn wir
zu eilig mit rohen Händen nach ihnen haschen.
Zweifellos steht fest, dalj Rasseneinflüsse nicht in
der Stoffwahl sich offenbaren. Ein solcher Stand-
punkt wäre mehr als naiv. Wohl zeigen sich
Rasseneinflüsse, oder können sich zeigen in der
Eigenart der Stoffgestaltung. Man vergleiche etwa
Rafael mit Dürer! Im Zusammenhang damit wird
häufig von Heimatkunst gehandelt. Wer eine
Gegend oder ein Milieu gut kennt und es voll
Liebe sieht, kann in ihnen Schönheiten entdecken
(ich verweise hier etwa auf die Maler des Dachauer
Moores oder die der Lüneburger Haide), an denen
ein Fremder achtlos vorübergeht. Aber auch
dabei ist das grob Stoffliche, der unverarbeitete
Gegenstand nicht das ästhetisch Wirksame, son-
dern — wie stets — nur die Schale, in die
der Künstler den Schatz seines Erlebens schüttet.
Und in der Art seines F.rlebens kann nun
etwas Rasseneigentümliches stecken. Gefährlich
ist es gerade hier mit strengen Normen zu arbeiten,
da sie oft von den Tatsachen widerlegt werden.
Die große Begeisterung für die Antike im
18. Jahrhundert ging vornehmlich von Deutschen
aus (Winckelmann); Dürer übernahm eine Fülle
von Anregungen aus der italienischen Kunst;
der Engländer Constable ward das Vorbild der
französischen Maler von Barbizon usw. Wo star-
kes, künstlerisches Leben fließt, überschwemmt
es die engen Grenzen der Heimat. Wohl kann

AUCH. ALFRED ALTHERR.

SCHRANK IN KIRSCHBAUM HOLZ Z. S. IÖ2.
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