Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 20.1909

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XX. JAHRGANG.

DARMSTADT.

DEZEMBER 1909.

FRANZ VON STUCK UND SEIN HAUS.

VON FRITZ VON OSTINI—MÜNCHEN.

Das Haus ist der Mensch! Immer vorausgesetzt,
daß der Mensch sich dies Haus selber gebaut
und nicht beim Baumeister bestellt hat, wie einen
Rock beim Schneider. Und wenn ein Künstler
sich sein Heim baut, so spiegelt sich sein wahres
Wesen darin oft viel klarer wieder, als in einem
einzelnen Werke. Weil in seinem Hause nicht
nur sein Können und sein künstlerischer Geschmack
zum Ausdruck kommen, sondern auch seine Stellung
zum Leben, sein menschliches Temperament, seine
ganze Physis. Ein Künstler, der Raumkunst treibt
für einen Andern, für fremde Bedürfnisse, arbeitet
ganz anders, als der, der sich selbst das Gehäuse
anmißt, in dem er leben und einst sterben will —
und den vielleicht auch noch die Absicht leitet, in
diesem Bau sein stärkstes und kennzeichnendstes
Kunstwerk zu schaffen. So steht auch Franz
v. Stuck zu seinem Haus, das er sich im Jahre 1898,
als ein Fünfunddreißigjähriger auf der Gasteig-
Höhe in München errichtet hat: festumschlossen
und einheitlich, stark, klar und gradlinig wie seine
ganze Persönlichkeit ist auch sein Heim. Breit,
trotzig und selbstbewußt, anders als das Andere
ringsumher, umweht vom Hauch der Antike und
doch modern, monumental, ja prunkvoll, aber ohne

theatralische Gebärde — das ist das Haus, das ist
der Mann, das ist der Maler! Etwas eminent
charakteristisches an der Villa Stuck scheint mir
der Eindruck der Abgeschlossenheit, der Ganzheit,
den sie macht. Eine Welt für sich und in sich,
haarscharf abgeschnitten vom Alltag, hier durch
das feste Steingeländer der Straßenseite, dort durch
die Pergola, hier durch die Gartenmauer mit ihrem
Laubgehänge und den eingelassenen Reliefs! Auch
der Maler Stuck liebt es, seine Bilder mit der
Umrahmung so zu einer Einheit zu verbinden, die
sich in Ausstellungen oder Galerien gegen jede
Nachbarschaft abschließt. Und auch der Mensch
Stuck scheint mir so veranlagt, daß er zwischen
sich und der Umwelt gerne seine sichere Grenze
hat, hinter die ersieh nach Gefallen zurückziehen kann.

Der Künstler, der Malerei, Plastik und Graphik
mit gleicher Sicherheit übt, ist auch sein eigener
Architekt gewesen. Ein so guter, daß man wünschen
muß, er hätte öfter auch diese Seite seines starken
dekorativen Talentes geübt, Einer, der immer ge-
wußt und immer gekonnt hat was er wollte. Dies
Haus, das auf unserer ersten Abbildung mit den
wuchtigen Vertikalen seiner Pyramidenpappeln fast
Böcklinsche Stimmung hat, das im Gegensatze zu

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