Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 49.1938

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310 INNEN-DEKO RAT ION

»TRINKSTUBE IN EINEM OFFIZIERSKASINO« HOLZ: KIEFER NATUR, WÄNDE UND DECKE: ALTDEUTSCHER PUTZ

SOMMERWOCHEN IN EINEM ALTEN BAUERNHAUS

VON WILHELM MICHEL

Ich erzähle hier, ich predige nicht. Ich berichte
von einem Haus- und Wohnungsglück einziger
Art, das ich nicht als »Muster« aufstellen will, dem
ich nur meinen Dank sagen will, weil Schönheit und
viele gute Stunden erfüllten Lebens mir darin auf-
blühten — Stunden, die reif und edel durch die Zimmer
gingen, weil das Haus sie mit einer reifen und edlen
Form empfing, weil Abendlicht und Morgensonne
»richtig« durch die Fenster auf Tisch und Bank fielen
und jeder Raum in einer sehr bestimmten Weise
vom Menschen wußte. War es nicht, wenn ich mich
am langen Tisch auf den Platz des vormaligen Haus-
herrn setzte, als müßte ich, nach einem Blick zur
Wiesenhalde hinüber, den Abendsegen, das mittäg-
liche Tischgebet sprechen — für eine Familie, die un-
sichtbar mit am Tisch saß mit arbeitsharten gefalteten
Händen? Die schweren geräucherten Tragbalken an
der Decke, der weitläufige grüne Kachelofen, die
schmuckreichen niederen Türen mit ihrem Zierat
aus Grün, Grau, Gold und Schwarz, die Dielen mit
ihrem Knarren und hohlen Widerklang beim Schritt

— waren das nicht lauter Einweisungen in ein sattes
Menschenleben von deutlichen Pflichten, Zwecken
und Grenzen, wo es kein Ungefähr und Vielleicht gab,
keine freischweifende Willkür, sondern lauter stille Be-
zogenheit auf Ordnung, Gesetz und Herkommen ?

Das Haus, von dem ich spreche, steht tief im
Schwarzwald, am Ende eines hoch hinaufziehenden
Wiesentals, das oben zum Tannenwald hin in einer
weiten halbrunden Halde endigt. Es war eine Huf-
nagelschmiede. Die alte Esse ist noch da, in der das
Holzfeuer loderte, und darum klangen noch vor
wenigen Jahren die Hämmer auf den Ambossen,
geschwungen von rußigen Fäusten. Aber Hufnägel,
von Hand geschmiedet, verloren wie so vieles den
Markt; das Haus ward leer, die Familie zog sich
talabwärts. Eines Tages kamen einige Maler daher,
die für sich und ihre Schüler etwas suchten zum
sommerlichen Arbeiten und Ausruhen, zur Belebung
der inneren Kraft und zugleich zum Studium froher
Wald- und Weidenatur. Und einer von ihnen, selbst
ein Sohn des Landes und kernig mit ihm verbunden,
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