Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 1.1886

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MITTEILUNGEN AUS DEM BRITISH MUSEUM.

i.

PRAXITELISCHE KÖPFE.

(Tafel 5.)

Auf Tafel 5 sind zwei Köpfe des Brittischen Museum abgebildet, die eine
gröfsere Beachtung verdienen, als ihnen bis jetzt zu Teil geworden ist. Der erste
derselben ist aus der Sammlung des Earl of Aberdeen 1862 erworben; vgl. Guide
to the Graeco-roman sculptures II (1876) S. 44, 97. Eine Angabe über den Fundort
fehlt, doch ist es bei dem Charakter der Aberdeen’schen Sammlung (Michaelis,
Ancient inarbles S. 118) sehr möglich, ja wahrscheinlich, dafs der Kopf aus Griechen-
land stammt. Er besteht aus feinem gelblichem parischem Marmor. Ergänzt ist an
ihm nichts, aber manche Teile sind abgebrochen, vor allem die Nase. Aufserdem
fehlt jetzt der metallene Kranz, dessen Spur sich in einer starken Furche rings um
den Kopf und einer Reihe von Bohrlöchern in dieser erhalten hat; einige kleinere
Bohrlöcher näher an der Stirn führen zu der Vermutung, dafs der Kopf einen Kranz
von grofsen, nach vorn überfallenden Blättern getragen habe, ähnlich etwa wie der
an zweiter Stelle zu besprechende. Die Länge des Gesichtes beträgt O, 18 m., die
des Erhaltenen etwa o, 30. Es ist kein Grund, zu bezweifeln, dass wir das Bruch-
stiick einer Statue vor uns haben.

Die kunstgeschichtliche Stellung des Kopfes ist durch seine ohne Weiteres
einleuchtende Ahnlichkeit mit dem Praxitelischen Hermes bestimmt. Ein Vergleich
beider Werke läfst dieselbe in jeder Einzelheit aufs neue erkennen, aber er zeigt
auch, wie unendlich hoch der Hermes in der feinen Durchbildung aller Teile über
den andern Werken derselben Zeit steht. Allein genommen ist allerdings unser
Kopf, den fiir eine Copie zu halten ich keinen Grund sehe, von hoher Schönheit.
Die Stirn ist reich modellirt, die Nasenwurzel sehr breit und ihr Übergang zu den
Augenhöhlen steil und tief. Die Augen sind verhältnifsmäfsig klein und etwas
schwimmend. Die Nase war, wie ihre Reste deutlich zeigen, der des Praxitelischen
Hermes ähnlich, die Nasenflügel besonders zart und etwas zusammengekniffen. Der
geöffnete Mund ist der am wenigsten gut geratene Teil des Gesichtes; er hat im
Original, wenigstens in einigen Ansichten, etwas plumpes. Die Unterlippe ist voll
und kurz, das Kinn ein wenig abgeplattet, so dafs ein Grübchen auf ihm entsteht.
Die Ohren sind wohlgebildet. Die Arbeit des Haares ist nicht sorgfältig, oben
auf dem Kopf sogar nachlässig; auch die des Fleisches ist nicht vollendet, aber
ungewöhnlich sicher und gewandt und in der Gesammtwirkung trefflich. Es ist
eins jener Werke, das in einer glücklichen Zeit der Kunst, unter dem allmächtigen
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