Deutsches Archäologisches Institut [Editor]; Archäologisches Institut des Deutschen Reiches [Editor]
Jahrbuch des Deutschen Archäologischen Instituts: JdI — 1.1886

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Fabricius, Das platäische Weihgeschenk. IQI

wasser sammeln. Ausschütten konnte man das Wasser nicht, denn die Dreifiifse
waren sicherlich fest mit ihrem Bathron verbunden; das Wasser blieb also wohl
stehen, bis es verdunstet war. Es begreift sich, dafs dabei der Kessel in kurzer
Zeit zu Grunde gehen mufste. Nichts lag näher, wenn man aus irgend welcher
Rücksicht keinen übergreifenden Deckel auf den Ivessel setzen wollte, als an der
tiefsten Stelle des letzteren ein Abflufsrohr anzubringen, das auf der Basis in eine
Rinne mündete.

Wir haben diese Möglichkeit nur angeführt, um zu zeigen, dafs sich sehr
wohl ein technischer Grund denlcen läfst, der zur Einfügung des Mittelgliedes ge-
fiihrt haben könnte. Seine Anwendung als Kunstform mufs sich aber noch aus einem
anderen Grunde den Verfertigern von Dreifiifsen sehr empfohlen haben. Die antiken
Vasenmaler, Stempelschneider für Münzen und Bildhauer haben Dreifüfse stets so
gezeichnet, dafs man das eine der drei Beine genau in der Mitte sah zwischen den
beiden andern. Und zwar aus gutem Grunde: denkt man sich nämlich das Geräth
so gedreht, dafs zwei Beine sich in der Ansicht decken oder auch nur nähern, so
erscheint der Kessel in ungleicher Weise unterstützt. Während das eine Bein senk-
recht unter den äufsersten Rand des Kessels tritt, stehen die beiden andern fast
unter der Mitte, so dafs der Kessel auf der einen Seite in unschöner Weise frei
heraussteht und das Ganze höchst unharmonisch aussieht. Als Anatheme im
Freien aufgestellte Dreifüfse konnten daher, namentlich wenn sie etwas gröfsere
Mafse hatten, nur von solchen Punkten aus einen künstlerisch befriedigenden An-
bliclc gewähren, die in der Verlängerung der mathematischen Höhenlinien des durch
die Standpunkte der drei Füfse gebildeten gleichseitigen Dreieckes liegen. Je mehr
der Beschauer zur Seite tritt, um so schiefer sah das Ganze aus. Dieser unver-
meidliche ungünstige Eindruck eines im Freien aufgestellten, von allen Seiten sicht-
baren Dreifufses liefs sich nur dadurch wesentlich zurückdrängen, dafs der Ktinstler
die Mittelaxe des Denkmals äufserlich in augenfälliger Weise hervorhob. Und da-
für war nichts so sehr geeiget, wie ein starkes, bis auf das Bathron herabreichen-
des Glied genau unter der Mitte des Kessels. Selbst wenn sich auch ftir den Ur-
sprung der Mittelstütze ein praktischer Grund mit Sicherheit angeben liefse, würde
man doch annehmen dürfen, dafs auch da, wo dieser Grund in Wegfall kam, der
Künstler schwerlich auf einen Theil verzichtet habe, durch den die ästhetische
Wirkung seines Werkes so wesentlich gehoben wurde.

Ernst Fabricius.
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