Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Antike Bühnenmalerei.

malten hölzernen Wand, die wenigstens
späterhin in der Mitte zusammengesetzt
war und an der Facade der Scasna aus-
gespannt wurde. Das Bild, das sich auf
der Wand darstellte, war je nach Bedarf
ein verschiedenes: drei Hauptgattungen, die
das römische Theater wie so viele andere
offenbar dem griechischen entlehnt hat,
führt Vitruv an: ging nämlich eine Tra-
gödie über die Bühne, so ward die Mitte
der Dekoration gewöhnlich von dem Kö-
nigspalaste gebildet, der durch eine passend
ausgeschmückte Pforte, wie durch Säulen,
Giebel, Statuen und anderen königlichen
Prunk entsprechend charakterisiert war.
DenAbschluss der Dekoration bildete rechts
und links von dem Palaste je ein minder
ansehnliches mit eine Thür versehenes
Gebäude. Dadurch sollten die an den Pa-
last anstossenden Gastwohnung vorgestellt
werden. Die dreiThürenin der Dekoration
lagen vor den drei Thüren der steinernen
Bühnenfacade ; hatte die letztere deren fünf,
so kamen auch für die Dekoration wohl
nur die drei mittleren in Frage. Die stereo-
type Dekoration bei Aufführung einer Ko-
mödie war ein gewöhnliches Privathaus
mit zwei Stockwerken, von denen das obere
mit einem Söller und mehreren wirklichen
Fenstern versehen war. Bei der dritten
Art der Dekoration waren auf jene Holz-
wand Bäume, Höhlen, Berge und sonstige
«ländliche Dinge» zu einem landschaft-
lichen Bilde gruppiert.

Ausser der Fond- und der Seiten-
dekoration war die Bühne aber auch noch
mit anderen Gegenständen geschmückt,
z. B. mit Bildsäulen desjenigen Gottes,
dem zu Ehren die Aufführungen statt-
fanden. Auch Dekorationswechsel war der
römischen Bühne nicht fremd. Im Fond
waren die für ein Stück notwendigen
Dekoration in der gehörigen Folge hinter-
einander aufgestellt: sollte nun verwandelt
werden, so machte die bisher gebrauchte
der neuen dadurch Platz, dass ihre eine
Hälfte nach rechts, die andere nach links
hinweggezogen wurde. Zugleich trat ent-
sprechende Aenderung der Seitendeko-
ration durch Drehung der Coulissen ein.

Die grossartigste Maschine der rö-
mischen Bühne war das «Pegma», ein
hölzernes Gerüst, das in seiner Gestalt
den Eindruck eines beweglichen Hauses
machte. Es bestand aus mehreren bemal-
ten Stockwerken, die aber in sich selbst
zusammensinken konnten.

Wir sind heute so stolz auf die Effekte
unserer modernen Bühneneinrichtung y
aber wir staunen, wenn wir vernehmen,
wie viel das römische Theater wagte! In
einem Lustspiel des Afranius, das die
«Feuerbrunst» betitelt war, kam ein
brennendes Haus vor, und Sueton erzählt
uns, der Kaiser Nero habe den Schau-
spielern erlaubt, die Einrichtung des in
Flammen stehenden Gebäudes zu plün-
dern und zu behalten. Von den pompösen
Aufzügen der römischen Bühne berichten
uns namentlich Cicero und Horaz. Als ein
sehr wesentliches Aufgebot von Dekora-
tion können auch die Reitergeschwader
und Fussvolkschaaren, die zahlreichen
Wägen, die Giraffen und weissen Elefanten
bezeichnet werden. Immer sehen wir dabei
prunkvolle malerische Wirkung angestrebt.

UNSERE ILUSTRATIONEN

Das vorliegende Heft ist der neueren
Bühnen-Ausstattung des Strassburger Stadt-
theaters gewidmet, der Thätigkeit unseres
tüchtigen Theatermalers Georg Daubner,
Lehrer an der Kunstgewerbeschule. Die hohe
Bedeutung eines vielfach gering geachteten
Zweiges der dekorativen Malerei wird auch
aus dem illustrativen Teile unseres Heftes
zur Genüge erhellen. Lauschige, anheimelnde
Interieurs wechseln mit Darstellungen der
grossen, frischen Bergesnatur; bald umspielt
mildträumerisches Mondlicht die Umrisse hoher
Bäume, bald spenden die Sonnenstrahlen einer
schlichten Dorfstrasse ihren magischen Reiz
oder es grüsst uns eine Winter-Landschaft
im blendenden Schneegewand: alles so warm
und tief empfunden! Und der Beschauer ist
im Banne jener wundersamen Stimmung, die
der Dichter anstrebt. Da schwellt würziger
Waldgeruch uns die Brust und dort freuen
wir uns des blühenden Rains und der weit
schattenden Bäume, aber überall webt jene
wohlige Stimmung, die uns erst fähig macht
zum frohen Geniessen dessen, was herrlich
ist im Dichterwerk.

Für die Redaktion verantwortlich : Prof. Dr. Leitschuh in Strassburg.
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