Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

Seite: 142
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Detail vom Chorgestühl
zu Thann (restauriert), n

ästhetischen krisis

Von WALDEMAR FENN-Strassburg.

D ie Aesthetik, in engerem Sinne die Lehre vom
Schönen geht als wissenschaftliche Forschung
grösstenteils von psychologisch-philosophischen Ge-
sichtspunkten aus. Ihrem Vorgehen liegt die Frage
zu Grunde: «Warum gefällt uns dieses, während
uns jenes missfällt? » — Die Betrachtung der ästhe-
tischen Begriffe in ihrem Verhältnis zu einander, ihre
gemeinsamen oder besonderen Beziehungen zur
Nützlichkeit, zur Zweckmässigkeit und in der Hinsicht
auf Notwendigkeit ergibt interessante Schlüsse, aber
keine Erklärung des eigentlich mit diesen Unter-
suchungen Angestrebten. Der Versuch der Beant-
wortung jener ersten bringt die zweite Frage: «Was
ist schön, u. s. w.? » notwendigermassen mit sich,
und kann, da unsere Erkenntnis ursprünglich auf rein
empirischer Wahrnehmung beruht9, seine Lösung
nicht in einem Jonglieren mit konventionellen Begrif-
fen und einer unhaltbaren metaphysischen Begründung
der Begriffe selbst, sondern nur in der Erforschung
der Bildung und des Entstehens derselben
finden. Diese haben wir in den Grundprozessen
der menschlichen Seele zu suchen, und somit auf
einem Gebiete, welches selbst noch in vielen Punkten
unergründet ist. Die Ergebnisse der psychologischen
Forschung weisen uns aber darauf hin, dass eine
Beantwortung obiger Fragen nur aus psychologischen
Prämissen abgeleitet werden kann, da eine andere
Art des Vorgehens heute zu unüberwindlichen Anti-
nomien führen würde.

1 Seit Baumgarten.

2 Cf. Haeckel, ('Natürliche Schöpfungsgeschichte»,
S. 28 u. f.
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