Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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E/sässisc/ics Zinn.

ELSÄSSISCÜES ZINN

Xu kurzem werden wir Gelegenheit
haben, eingehend über ein Werk zu be-
richten, das der treffliche Kenner alten
Zinnes, Herr Notar Ritleng in Strassburg,
in Druck gegeben hat. Es ist nun aber
auch von Interesse, die alten Arbeiten
elsässischen und lothringischen Ursprungs,
die sich in auswärtigen Sammlungen be-
finden, gewürdigt zu finden.

So fand H. Demiani, dass von den
Exemplaren der von F. Briot's berühmten
Temperantia-Schüssel gehörigen Kanne
und des von Manchen demselben Meister
zugeschriebenen Zinnkrugs mit den drei
allegorischen, durch ihre Unterschriften
als PATIENTIA, SOLERTIA, NON VI
bezeichneten Figuren die schönsten und
scbärfsten Abgüsse im Nordböhmischen
Gewerbemuseum zu Reichenberg sich be-
finden.

Dass der Krug, dessen Erhaltungs-
zustand geradezu verblüffend gut ist,
gleichfalls eine Arbeit Briot's sei, hat
man nach dem Vorgange von Mantz1 aus
dem Stempel folgern wollen, mit dem
einige Abgüsse versehen sind. Dieser
Stempel zeigt einen geöffneten Zirkel,
zwischen dessen Schenkeln sich eine
heraldische Rose befindet, während links
und rechts von seinem oberen Ende die
Buchstaben F und B stehen, welche man
als die Initialen Briot's gedeutet hat. Be-
reits an anderer Stelle, in seinem Buche
«Francois Briot, Caspar Enderlein und
das Edelzinn» (Leipzig 1897), hat Demiani
darzulegen versucht, dass der fragliche
Zinnkrug eine deutsche Arbeit aus der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts und
vielleicht in eine gewisse Verbindung mit
einem, während des Zeitraumes von 1636—
1649 in Strassburg vorkommenden Zinn-
giesser Isaak Faust zu bringen ist.

1 Gazette des Beaux-Arts, Bd. XIX, Jahrg.
i865, S. 476.

Zweifellos in Strassburg entstanden
ist die hübsche kleine Wöchnerinnen-
schüsseh welche die hiesige Stadtmarke
(einen Schrägbalken in damasciertem Felde)

Kanne von Francois Briot, im
Xordbühm. Gcwcrbcmuscum.

trägt. Das Modell ist sehr selten. Und das
ansprechende Stück zeichnet sich auch
durch aussergewöhnliche Schärfe und vor-
treffliche Erhaltung aus. Derartige reich
reliefierte Deckelgefässe, in denen, nament-
lich während des 17. und 18. Jahrhunderts,
den Wöchnerinnen von befreundeter Seite
leckere Speisen zugesendet wurden, kann
man als eine Strassburger Spezialität be-
zeichnen. Auch im benachbarten Frank-
reich kommen sie häufiger vor. Die Ver-
zierung ist dort in der Regel ebenfalls
eine sehr reiche. Aber sie sind — vor
Allem in der Normandie, wo man sie be-
sonders oft antrifft — erheblich grösser
und zeigen nur ausnahmweise figürlichen
Schmuck. Bios vereinzelt und in wesent-
lich einfacherer Ausstattung findet man
sie in Deutschland auch an anderen Orten,
wie Strassburg.

Als sicher beglaubigte Arbeiten Briot's
sind zur Zeit, ausser vier Medaillen, leider
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