Das Kunstgewerbe in Elsaß-Lothringen — 2.1901-1902

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Dr. R. Bruck: Elsässische Holzplastik.

bunden sind, in die schwäbisch-aleman-
nische Schule (Schwaben und Oberrhein)
gerechnet werden, lassen sie doch un-
schwer erkennen, dass sich in ihnen ein
ganz bestimmter eigenartiger Typus aus-
drückt. Ein allgemeiner innerer Zusam-
menhang mit dem eigentlichen Schwaben
steht fest aber die elsässischen Werke
beanspruchen doch eine bestimmte Selb-
ständigkeit und bilden für sich ein abge-
grenztes Gebiet, das man mit dem Namen
einer «elsässischen Schule» wohl bezeich-
nen kann. Dieses umsomehr, als uns in
den elsässischen Werken Meister entgegen-
treten, die eine ganz bedeutende Künstler-
schaft bezeugen, deren weitgehender Ein-
fluss in ihren Schülern ersichtlich ist und
deren Arbeiten sich völlig würdig, zum
Teil sogar überlegen, den Werken anderer
Meister Deutschlands aus gleicher Zeit an
die Seite stellen können.

Dass gerade Strassburg fast nichts
mehr von alten Holzschnitzwerken aufzu-
weisen hat, mag darin begründet sein,
dass wohl in Strassburg mehr wie ander-
wärts in bilderfeindlicher Zeit zur Ver-
nichtung der alten Werke geschritten
wurde. Die Stelle in Büheler's Chronik
auf das Jahr 1029 mit der Bestimmung
der Herren von Strassburg «dass man
alle Altär, taufstein bilder und Crucifix
solle in allen Kirchen hinwegbrechen, wie
das auch solches geschehen», lässt uns
ahnen, welche Menge unersetzlicher Kunst-
werke uns damals für immer geraubt
wurde.

Von romanischen Holzfiguren hat sich
im Elsass nichts erhalten, dagegen besitzen
wir aus der gotischen Zeit und besonders
aus dem Zeitraum von 1450-i53o, der
für die Holzplastik die höchste Blütezeit
bedeutet, eine reiche Anzahl von Werken,
unter denen besonders die prächtig aus-
gestatteten Schnitzaltäre in Betracht
kommen.

Meist sind die Altäre dreigeteilt, im
Mittelschrein geschnitzte Figuren, die
Flügel innen und aussen bemalt. Wie
an den Werken Bildschnitzerei und Malerei
eng verbunden sind, so finden wir auch

in den Urkunden, dass Maler und Bild-
schnitzer meist ein und derselben Zunft
angehörten, in Strassburg der Zunft zur
Steltz, in Kolmar der Krämerzunft. Wir
kennen auch eine Reihe elsässischer
Meister, die als Bildschnitzer und Maler
zugleich genannt werden, so z. B. in
Strassburg aus der zweiten Hälfte des
14. Jahrhundert und dem i5. Jahrhundert
Andreas Ciamann, Matthias Dunder, Peter
Honowe, Betzinger und Max Doerger.
Auch derKolmarer Maler Caspar Isenmann
(1435, t nach 1472I erhielt laut dem er-
haltenen Vertrage vom 21. Juni 1462 mit
dem Auftrage für den Fronaltar von Sankt
Martin in Kolmar auch die Bestellung
«alle gesnytten bilde, Tabernackelen,
zyborgen, wintbergen holkelen gesprengen
vnd aller veldunge» herzurichten, zu be-
malen und zu vergolden. Der häufigste
Fall aber wird wohl der gewesen sein,
dass Bildschnitzer in der Werkstatt der
Maler thätig waren, die meist die Auf-
träge auf die Altäre erhielten. So war
1499 in Kolmar der Bildhauer Hans Moser
von Walbach bei dem Maler Arbogast
Spies bedienstet. Hätten wir auch hierfür
keinerlei Urkunden, so würden wir es
durch die überaus grosse Beeinflussung
der Holzschnitzereien durch die Malerei,
besonders deutlich an den Ilolzreliefs der
Altäre, ersehen, deren Darstellungen
durchaus malerisch geschildert sind. Die
Maler, denen der Auftrag erteilt worden
war, galten denn auch öffentlich als die
Verfertiger der Altäre, wie Matthias Grüne-
wald als der des Isenheimer Altares in Kol-
mar (S. 187), Friedr. Herten 1466 des Hoch-
altares in der Jakobskirche zu Rothen-
burg a./d. Tauber, Hans Schülein 1469
des Hochaltares von Tiefenbronn, Lucas
Moser 1431 des Magdalenen Altares in
Tiefenbronn. So auch erklärt es sich,
dass die Arbeiten von Schnitzerei und
Malerei am gleichen Altare künstlerisch
oft ganz verschieden an Wert sind.

Von grosser Wichtigkeit für die künst-
lerische Wirkung der Holzschnitzereien
war die Bemalung und Vergoldung der
Werke, die wir heute in ihrer Ursprung-
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