Zentral-Dombauverein <Köln> [Editor]
Kölner Domblatt: amtliche Mittheilungen des Central-Dombau-Vereins — 1842 (Nr. 1-27)

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ner Domes um nichts nöher, nnd deßhalb verdienen die in loteini-
scher Sproche vorhandenen t'iisli iiüilerVuriieiisLs eine vorzügliche Be-
achtung. Sie bekunden:

„Jm Jahre Christi 1248, unter Jnnocenz IV., Papst, und
Wilhelm, Cäsar, hat Conrad, Erzbisclof von Köln, mit Rakh
und Bestreben Simon's, Bischofs von Padcrborn, welchcr damals
in der Baukunst besondccs berühmk war, zu dem Wunderbaus
der kölner Basilika das erste Fundament qelegt. Die Länge dcs
Bauwecks ist auf 335, die Brcite zu 160 Fuß abgemeffen und
in die Kreuzform gcbracht. Demnächst entstand der Chor und dcc
erste Theil des Domes, woran 74 Jahre gearbeitet wurde. Wärcn
das Kirchcnschiff, die koioffalen Thürme und die übrigen Bau-
theile vollführt, so würde Europa nichts Größercs aufzuweisen
haben, was den alken Weltwundern gleichgestellt werden könnte."

Woher unser Chronist diese Nachricht entlehnt und nebst mehren
anderen Notizen dcm Original-Manuscripte der westphälischcn Chro-
nica deS Marlin Klöckner vom Jahre 1618 beigefügt hat, ist bisher
unermittclt geblieben, ob zwar vor mehrcn Jahren darüber eine vage
Kunde in den „Bcrlinischen Nachrichten" Nr. 93 des Jahres 1825
aufgetischt wurde.

Unterziehcn wir die Sache einer nähcrn Prüfung, so erblicken wir
in dem Edelherrn Simon zur Lippe einen tapfern Ritker und Dom-
herrn zu Mindcn und Padcrborn, der sieben Jahre hindurch die bre-
mec Diözese gegen die Stedingcr, unter seinem alkcn Onkel, Erzbi-
schof Gcchard, vertheidigte und, als dcssen Postulation zum hambur-
gcr Erzstifte nicht zu Stande kam, im Jahre 1247 Vischof von Pa-
derborn wurde. Er war ber der Wahl und Krönung des Wilhelm per-
sönlich zugegen, schloß danials mit dem Erzbisckofe Conrad von Hoch-
stedcn wegen der herzoglichen Gerechtsamen im Stiste Padecbern einen
Freundschaftsbund; er bewirkte ferner mit den übrigen Fürsten per-
sönlich zu Köln und Aachen die Erhebung drs Richard auf den deut-
schen Königsstuhl. — Da schließlich der Bischof Albert der Große
demnä'chst die Freilassung seines Freundes aus hartec Gefangenschaft
erwirkte, so möchten wir unserm im Kriege unglücklichcn .Simon, wel-
chen dec Magister Justin in seinem 6>Mori<> als einen in allen Wis-

senschaften und Künsten seiner Zeit erfahrenrn und von den Gelchrtcn

wie von Jedermann hochgeehrtcn Mannffchildert und der von ihm eine
Blume der Bischöfe und Edlen genannt wird (eine Anspielung auf
die lippische Rose), die Ehre wenigstens dec Miteisindung und Aus-
arbeikung des ersten Baurisses zuschreiben. Hat doch schon vorlängst
einer unserer ersten Architckten darauf hingewicsen, daß vom 11. bi^
zum 13. Jahrhundert ei'ne Reihe deulscher Bischöfe und Aebte zugleich
Baumeister grwesen sind *).

Auffallcnd bleibt es immerhin, daß die gleichzeiligrn Schriststeller
über das kühne Genie, welches den Gedanken der Ewigkeit mit deuk-

schem Sinne zu erfasscn suchte, schweigen, aber die solgenden Geschlech-

tcr, von dem Glauben beseelt, ein Werk vollbringen zu helfcn, welches
Gott wohlgefällig sei, ihr Leben daran sctzten, ohne alle Verbesserungs-
sucht i'n dem Geiste des ursprünglichen PlaneS foctzuarbeiten. Die
Verbrüderung freier Maurer und ihre Ordnung wurde erst dcn 3.
October 1498 vom Kaiscr Max l. sanclioni'ct; allein die früheren Bau-
hüttcn, stolz auf iyre Großmeister, die Kurfürsten von Köln, achteten
nrcht auf vergangliche Namen, und so sind fast alle Meister, die Er-
sinder wie die Vollender, unbemerkt in oem Strome der Zeit ver-
schwunden, und nur allcin die genauen Baurisse der kölner Dom-
thürme wunderbar erhalten auf unsere Tage gekommen.

Uie die chriülicheli üölkerschaüen des Mitlelslters
Lirchen bautcn.

Von Prisac.

(Schluß. S. Nr. 25 d. Dl.)

Einen andern Vortheil gewährten die genossenschaftlichen Verhält-
niffe des Mittelalters der Baukunst in der Ausbildung des Hand-
weiks durch die Zünfte. Der Dom zu Köln und die sonstigen Pracht-
erzeugniffe der Baukunst sind als Schöpfungen der Kunst keine Werke,
die sich einzig mit Maschinen bauen lassen. Diese mögen allerdings
hier und da zum Aufrollen der Skeine, zur Bereitung des Mörtcls
angewendet wcrden können; die Hauptarbciten aber müssen mit mensch-
lichen Händen, und zwar mit sehr geschickten und geübten, gemacht wer-
den. Das Zunftwesen aber war nicht bloß ein Schutz des Handwerks,
sondern auch cin sehr bedeutender Antrieb zu seinec Vollcndung. Es
war seine Schule, seine Uebungsanstalt, seine Zlkadsmie. Aber mit dem
Handwerk allein wird man, wenn es auch noch so vollendet ist, kcinen
Dom bauen, wie mit Maschincn kein Kunstwerk. Dazu gehört die
schöpferische Kraft des Geistes — Poesie. Es bliebe mir daher

3) zu zeigen, in wie hohem Grade das Mittelaltcr davon durch-
drungen war. Jch kann aber dabei fehr kurz sei'n und statt aller Ant-
wort dcnjenigen, der daran zweifelt, auf den Dom zu Köln, das

Geheimer Rath von Wiebeking (gestorben dcn 29. Mai d. I., 81 Zahre
alt) in der am 28. März 1818 in der Akadeniie zu Münchcn gehalte-
nen Rede über Bauwissenschast.

Münstcr i'n Slraßburg, 'oen Dom in Freiburg verwsisen. Wer in dre-
ftn Erzcugnissen keine Poeste erblickt, der wird sie eben so wenig fin-
den, als der Blinde die Farbe— er hat keincn Sinn dafür. Jn de»
Zügen nach dem heiligen Lande, in der Jdee dcs römischen Reiches^
der germanischen Frische und Unverdorbenheit der Völker in ihrerJu-
gend nnd dem so schöpferisch gestaltenden Christenthume, in der un-
vergifteten Galanterie dcr Zeit flossen unversiegliche Quellen für die
Dichlkunst. Das ganze Leben war dichterifth; man hatte nichk bloß
Provenyalen, Tronbadours, Trouveres (Eisinder), in Frankreich, ü»
England, über 1200 Minnesänger in Deutschland, von denen einige
von Hof zu Hof zogen und in dichterischen Wektkä'mpfen die Schön-
heit der Natur, den Werih der Frauen, das Lob Gottes in reine»,
ungekünstelten Wcisen verkündeten, sondern auch solche, die, wie der Ver-
fasser des berühmten Titurel, cs verstanden, Kirchen und Tempel mit
eincm Reizc der Phantasie zu beschreiben, den man später kaum geah-
net und dessen Wirklichkeit uns bei den Restauralionen an dem Dome
zu Köln nun wiedcrum aufs lebhafleste entgegentritt *).

4) So besti'mmk ein jedcs Bauwerk dcs Mittelalttrs den kli'matk-
schen und volksthümlichen Charakttr bezeichnet — ich bleibe daber,
die griechischen Bauwerke bizeichnen si'ch auf den ersten Anblick alS
griechische, die römischen als römische, und der Spitzbogcnstyl des Rhein-
landes ist ein ganz andcrer, als jencr Frankreichs, Englands, selbst
des benachbarten Belgiens —, so würde man sich doch täuschen und
widsc alle Geschichte anqehen, wenn man glauben wollte, das Kirchen-
gebäude sei deßhalb auch bloß mit den Miiteln jcnes Ortes gegründet,
wo wir es erblicken. Die Christen des MittslalterS lebten in häusigesr
Veckehre. Sie hatten in der Einheit der Religion ein gemeinsame^
Band, und es gab öffentliche Angelegenheiten. zu welchen nicht bloH
Einzelne, wie durch den Handelsverkehr und sonstige Begebenheitc»
unserer Tage, sondern Massen im Ganzen und Großen zusammenge-
führt wurven. Solcher Begebenhciteri wsren die Kreuzzüge sür das
Volk nach oben und nach unten, Tourniere für den Adel, die LiebeS-
HSfe für die Dicbler, Concilien für die Geistlichkeit. Außerdem zoge»
große Pi'lgerfahrten durch gan; Europa: bald ging's nach dcn Gräbcn»
der Apostelfürsten Peter und Paul in Rom, balo nach S. Jago rr»
Compostella. Bei den Reli'quien der heiligen drei Könige in Köln, d«S
heil. Quirinus in Neuß, des heil. Apollinarius in Düsseldorf sah ma»
jährlich Tausende von Fremden, von dencn einige erst unterweges die
Landessprache erlernen mußtcn, die an Ort und Stelle ihr Gelübd».
lös'tcn und Opfcr darbrachten. Es gab wenigcr Mittel, sich zu zer-
strsuen, und eine allgemeine Anqclegenheift wenn sie einmal als solche
betrachter wurde, fand die lebhasteste Theilnahme. Es gab noch keine
Zeitungcn, das Gerücht eines Unternehmens war viel schwerer zu vrr-
breiten als jetzt. Wac abcr die Meinung sinmal dafür giwonnen, fo
wirkte si'e nachdrücklichcr und fester.

Wollte ein Bischof, ein Abt oder Vorstcher eincr sonstigen geiW-
chcn Genossenschast, der zu einem Concil erschienen war, eine Kirche
gründen, und hielt er seine Mittel zu schwacb, so bat er seine daseldßk
versammelten Mitbrüder uni Beiträ'ge, die entwedcr in baarem Gelde,
Edelsteinen oder auf sonstige Weise geleistet wurden. Ein merkwürdigeS
Beispiel der Act liestrt der Kirchenbau zu Werdcn. Die von Ludger
und seinem Bruder Hildegrim gegen Ausgang des 7. JahrhundertS
gegründete, gegen die Mitte des 11. Jahrhunderts wieder hergestellte
Kiiche war gegen das Jahr 1250 abgebrannt. Dec damalige Abt ging
zum Concil nach Lpon und benutzte die Gelegenheit, vor den zahlreich
versammclten Bischöfen zum Zwecke dcs Kirchenbaues Jndulgenzen z«
sammeln **). Da gab denn dec eine 40 Taqe, der andere 2 Monate
u. s. w. Man ging entweder selbst nach Werden zum Kirchenbaue
odcr schickte Geldmittel. So holf man sich allenlhalbcn, denn dcr Kir-
chenbau, wo ec immer begonncn wurde, war ein Werk dcr Christen-
heit. Der Dom zu Köln, so eigenthümlich dcutsch und rheinisch, kök-

*) Untersuchungen an der Kirche zu Calcar, di'e gegen Ende dcs 14. Ja-r»-
hunderts oder noch spätcr crrichlet zu sein scheint, was wegen Ma».
gels an Sculpturen sich nicht so genau ermitteln läßt, an deren Wändrrr
aber hier und da durch die weißc Tünche Malereien im Style der Gkas-
malerei'en hervorkamen, und eine Stelle i'm Titurel leiteten auch fchorr
im Jahre 1834 ganz bestimmt auf den Gedanken, daß die vorznglich-
flen Tempel des Mittelalters ganz bemalt waren. Freilich" konn»
ten jene Malereicn in der crsten Zeit nur höchst unvollkomme»
sein. Sre waren in der Art der Schmelzwerke, wodurch sich dic
Reliquienkasten so auszeichnen. Das Mittelalter hatte eine ganz beson-
dere Verehrung gcgen Edelsteine; man suchte fie nicht nur wegen ihrer
Farbe, sondern schrieb ihneii auch eigene Wirkungen zu; namentlich war
der Carbunkel das goldene Vließ, wonach man i'agte. Die Gkasmcr-
lerei hat vielleicht ienem Geschmacke an Edelstcinen, wenn auch m'chl
ihre Erßndung, doch ihre Beranlassung zu dankcn. Die betreffcnde
Stelle drs Titurel lautet folgender Art: „Man begann, den Tempel
wie ein Rundgebäude zu wölben, darin 72 Chöre, außenher 8 Ecken,
und jedcr Chor schoß besonvers nach außen hervor, inner- und außer-
halb gefärbt, glänzte aus rothem Golde fegli'cher Edelstein nach seiner
Farbe. Da, wo die Gewölbe nach der Schwibbogenkriimme einen Gurt
bilden imd von ten Pfeilern aufsteigcn, da findet man manch spähe
Lis allein, von geschmilztem Werk, erhaben, jn denen Corallen miv
reiche Perlcn kvstlich geziert standen."

^") luceliiil, 6ermi>nik> saera.
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